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Die Weihnachtskrippe in der Evangelischen Kirchengemeinde Grenzach. Erstausstellung: Dezember 2014.

 

Die Weihnachtskrippe

Der Friede Gottes sei mit Euch allen. Amen.

„Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe“, eine Futterkrippe versteht sich. Auch die Botschaft der Engel zielt auf die Krippe: „Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen“. Tatsächlich machen sich die Hirten auf den Weg zu der genannten Krippe: „Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in einer Krippe liegen.“ Mit großer Entschiedenheit lenkt der Evangelist Lukas die Gedanken seiner Leser auf die Krippe. Wer die Weihnachtserzählung hört, hört die Botschaft von der Krippe. Die Krippe und Weihnachten, Weihnachten und die Krippe – beide sind nur zusammen zu haben.

Und sie verschmelzen im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende zu dem, was spätere Generationen und auch wir heute unter einer Weihnachtskrippe verstehen: Nicht eine Futterkrippe für Tiere, vielmehr das gerade geborene Jesuskind in einem Stall dargestellt mit seinen Eltern Maria und Josef, mit den Hirten, mit Ochse und Esel, mit den Heiligen drei Königen, mit Engeln, mit einem Stern! Den Durchbruch zu einer solchen Weihnachtskrippe bewirkte der bekannte Franziskanermönch Franz von Assisi im Jahre 1223, als er bei einem Weihnachtsgottesdienst in dem Dörfchen Greccio sozusagen zur Anschauung des Weihnachtswunders eine lebendige Weihnachtskrippe herrichten lies. Ein leibhafter Ochse und ein Esel aus Fleisch und Blut sollen damals auch mit echten Schafen mit dabei gewesen sein, ebenso wie richtige Menschen – allerdings nicht Josef und Maria, wohl aber eine Puppe als Jesuskind in einer Krippe – und ein Altar, denn die Gegenwart Gottes auf Erden blieb dem Sakrament, spricht dem Abendmahl vorbehalten. Mit seiner lebendigen Weihnachtskrippe draußen in kaltem Winter lud Franz von Assisi die Gläubigen ein, mit eigenen Augen und eigenem Fühlen nachzuempfinden, wie unbegreiflich groß die Herablassung und Demut des Gottessohnes gewesen ist, der seine Herrlichkeit verlassen und in die Not und Armut dieser Welt eingetreten war. Die Menschen, die diesen Krippengottesdienst miterlebten, waren eingeladen, sich in ihren Herzen mit den Gestalten der Heiligen Nacht zu identifizieren. Der Sohn des großen und herrlichen Gottes ist Bruder der Menschen geworden – das war es, was die Gottesdienstteilnehmer sehen, spüren und erfahren sollten – und erkennen, dass die Tiere, Ochse, Esel und Schaf zur Bruderschaft aller Lebewesen gehören, denn auch sie beteten an. Es war daher sogar der Wunsch des Franz von Assisi, dass Ochse und Esel am Weihnachtsfest mehr Korn und Heu gegeben werde als sonst. Diese lebendige Weihnachtskrippe, die den Weihnachtskrippen in den nachfolgenden Jahrhunderten überall zum Durchbruch verholfen hat, wurde auf diese Weise zu einer lebendigen Predigt, die man betrachten und erleben konnte.

Die neue Weihnachtskrippe in unserer Evangelischen Kirche stammt aus der Werkstatt des Bildhauers Edgar Spiegelhalter, der sie in seinem Atelier in March-Hugstetten hergestellt hat. Seine Krippe stellt nicht so sehr das Kommen des Gottessohnes in Niedrigkeit heraus, sondern vermittelt stattdessen die wichtigste Folge seines Kommens: Geborgenheit, Harmonie, vollkommener Friede! Wir als Betrachter blicken in wundervolle, friedevolle Gesichter, die mit großer Kunstfertigkeit gestaltet sind; wir entdecken Haltungen der Fürsorge und des Schutzes, der Neugier, der Nachdenklichkeit, des Suchens und der Hingabe. Und über allem leuchtet am Himmel ein goldener Stern, sein Stern: Der Friede, der hier sichtbar wird, ist Friede aus Gottes Höhe, es ist der Friede, den nur Gott schenken kann, der Friede, den die Engel verkünden. Selbst die Tiere werden zu einem Sinnbild dieses Friedens, denn gerade sie sind auf die Krippe als dem Ort angewiesen, an dem sie ihre Nahrung zu sich nehmen, als dem Ort also, an dem sie Gutes empfangen und Wohlbefinden empfinden – an ihrer gefüllten Krippe! Die Krippe ist der Ort, an dem es den Tieren gut geht!

Da gibt es also ganz unterschiedliche Schwerpunkte: die eine Krippe stellt das Kommen Jesu in tiefster Armut heraus, die andere den Frieden, den das Kommen Jesu in der Welt bewirken möchte. Deshalb können beide Schwerpunkte und Traditionen, wie ich meine, sinnvoll zusammengesehen werden: Gottes Sohn hat seine Herrlichkeit verlassen und ist unser Bruder geworden, um uns und aller Welt Frieden, Gottes Frieden zu bringen. Mit Schalom, mit Frieden, war in der damaligen Zeit nicht weniger gemeint als das Wohlergehen in ganz umfassendem Sinne. In der Bibelauslegung heißt es zu Schalom: „Seine vielen Aspekte, die im weitesten Sinne ungefährdetes Wohlergehen, Glück, Ruhe und Sicherheit umfassen, kommen dem sehr nahe, was im Alten Testament als Inbegriff des Segens verstanden wurde.“ Deshalb begrüßten und verabschiedeten sich Menschen auch mit dem Zuruf Schalom, Friede sei mit dir! Selbst wir kennen diesen Gruß in unserer Zeit und für viele unter uns ist es selbstverständlich, einander solli oder salü zuzurufen. Das lateinische salus, salutis drückt eben genau den Segenswunsch nach Gesundheit, Wohlbefinden, Glück und Frieden aus. Für die Christen aller Zeiten ist es Jesus, der Sohn Gottes, der Gottes Frieden in die Welt hineinträgt. Der Prophet Jesaja sieht dieses Friedenswirken Gottes kommen, indem er schreibt: „Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt: Wunderrat, Gottheld, Ewigvater, Friedefürst! Der Epheserbrief des NT erkennt darin Jesus als Friedensbringer: „Er, Jesus, ist unser Friede“ so bekennt der Autor. „Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ so spricht es Jesus selbst aus.

Jesus wird geboren inmitten bitterer Armut, mitten in eine Zeit hinein,  die niemandem etwas schenkte, eine Zeit, die nicht Raum hatte für alle – so wie es auch heute noch oft der Fall ist  - eine Zeit, die Menschen einen harten Existenzkampf aufnötigte. Hier ist Gott, der sich durch Jesus selbst auf diesen Existenzkampf einlässt und durch menschliche Tiefen geht, um etwas anzuzeigen. Dass nämlich Friede der einzig sinnvolle Weg für alle Menschen und die ganze Welt ist. Der Weg des liebevollen und heilvollen Miteinanders, des Hörens aufeinander, der Achtung und des Respektes voreinander, und wenn es nötig ist, der Weg der Vergebung und der Versöhnung zwischen Menschen und zwischen Menschen und Gott.

Der Friede, zu dem unsere Weihnachtskrippe und viele andere Krippen die Betrachter einladen, ist kein Zustand, sondern ein stetes Geschehen, ein Ereignis und Prozess, der immer wieder neu in Gang gesetzt und am Leben erhalten werden muss. Denn wenn Friede herrscht, ist er auch schon wieder gefährdet, und wenn er fehlt, ist nicht sicher, ob er kommt. Friede ist niemals selbstverständlich, vielmehr ein aktuelles Ereignis, das in jeder Minute, in jeder Stunde und an jedem Tag Gottes Geschenk bleibt und zugleich stete Aufgabe:

Friede in mir.
Friede in der Familie.
Friede in der Arbeitswelt.
Friede zwischen Staaten.
Friede mit Gott.

In einem wunderschönen Lied, das die Kinder unserer Tagesstätte am 2. Advent hier im Gottesdienst gesungen habenm, erzählt Detlev Jöcker von der Sehnsucht nach diesem Frieden:

Die Sehnsucht nach Frieden,
sie strahlt in dieser Nacht,
viel heller und viel lichter,
als jede andere Macht.

Unsere neue Weihnachtskrippe lädt ein, den Weg zum Frieden und deshalb den Weg zu Jesus zu suchen und zu gehen. Die ganz einfachen Menschen sind eingeladen, wie die Hirten, die es nicht leicht haben und täglich um ihre Existenz kämpfen: in Wind und Wetter, in Sonne und Kälte, in Gefahren durch Tiere und Menschen. Auch die hohen sind eingeladen, selbst die ganz Hohen, wie Könige, gekrönte Häupter, wie die Wissenschaftler, wie Wirtschaftsmanager, wie einflussreiche Staatsmänner und Frauen, wie Milliardäre. Ja, sie alle sind gemeint: die Angesehensten und Mächtigsten, die Reichsten, die noch etwas geben können, anderen, die nichts besitzen, sondern in Armut leben müssen, wie das Kind in der Krippe – ihm bringen sie ihre Gaben, ihr Gold und ihre wertvollen Güter.

Das Kind in der Krippe und in der Mitte führt sie alle zusammen: Gemeinsam treten die einfachen und die hohen heran und entdecken einander an der Krippe. Jesus verbindet, was getrennt ist und bringt zusammen, was auseinandergefallen ist, lädt ein zum Frieden und stiftet Frieden, wo kein Ausweg mehr zu erkennen ist.

„Man muss mit den Gestalten der Heiligen Nacht eins werden“ das waren die Worte des Franz von Assisi. Auch wir sind eingeladen, uns mit den Einfachen, den Hirten und den Hohen, den Weisen oder Königen, auf den Weg zu machen und den Frieden Gottes zu entdecken, in Jesus; ihn zu bestaunen, ihn anzubeten und ihn weiterzutragen in eine Welt, die sich nach Frieden sehnt. Im Glauben an Jesus Christus, geboren in tiefer Armut zum Heil und zum Frieden aller Welt wie die Engel verkünden: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. Amen.



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