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Korn, das in die Erde EG 98, Johannes 12,24

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde:
Wie wohltuend sind doch die Osterlieder, die wir jedes Jahr wieder singen! „Christ ist erstanden von der Marter alle, des solln wir alle froh sein!“ Und „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit!“ und  „Er ist erstanden, Halleluja!“ So könnte ich fortfahren und noch viele andere Auferstehungs- und Osterlieder aufzählen.

Und dann, liebe Gemeinde, greife ich für diese Predigt auf ein Passionslied zurück!  „Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt!“ Wie ist es möglich, an Ostern über ein solches Lied nachzudenken? Dieses Lied – in unserm Gesangbuch die Nr. 98, die Sie schon einmal aufschlagen können - hat mich bewegt, als ich vor einigen Wochen in einer anderen Kirche zu Gast war und wir es miteinander gesungen haben. Beim Singen kam es plötzlich über mich wie eine Erleuchtung: Dieses Lied, so dachte ich bei mir, ist doch nicht nur ein Passionslied, sondern ebenso auch ein Osterlied!  „Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün!“ Wenn das keine Osterbotschaft ist, liebe Gemeinde, was wohl ist dann eine OSTERBOTSCHAFT? Außerdem befindet sich dieses Lied im Evangelischen Gesangbuch an letzter Stelle der Passionslieder und ist damit den Osterliedern unmittelbar vorangestellt: „Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün!“

Bei dem deutschen Text dieses Liedes,  handelt es sich um eine Übersetzung, bzw. Übertragung aus der englischen Sprache. Sie finden den englischen  Text der ersten Zeile am Ende des Liedes in der Legende:   „Now the green blade rises“ – „Nun wächst der grüne Halm auf“.  Die Übertragung ins Deutsche ist 1978 in der damaligen DDR durch den Evangelischen Pfarrer und späteren Theologieprofessor Jürgen Henkys durchgeführt  worden, die Melodie stammte aus dem Frankreich des 15. Jh., sie war also noch durch und durch vorreformatorisch und gehörte ursprünglich zu einem  Christfestlied.
 
Hier, in unserm Gesangbuch finden wir dieses Passions- und Osterlied  den übrigen Osterliedern unmittelbar vorangestellt,  so dass es bereits durch seinen Standort auf die folgenden Osterlieder und damit auf Ostern selbst verweist, wie ein Wegweiser! Denn: Bei Ostern, dem Fest des Lebens aus Gottes Kraft handelt es sich bekanntlich um  das älteste Fest der Christenheit und nicht allein das: Die Auferweckung Jesu und damit das Osterfest begründen von Beginn an den christlichen Glauben und die in ihm enthaltene Hoffnung der Christen und damit der christlichen Gemeinde.  Ohne Auferstehung und ohne Ostern, kein Glaube, keine christliche Gemeinde, kein Leben durch den Tod hindurch. Ostern und Leben gehören zusammen wie zwei Seiten einer Münze.

„Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt: Liebe lebt auf, die längst erstorben schien. Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün.“

Lassen Sie uns, liebe Gemeinde, diese 1. Strophe miteinander singen.

Eines der tief- und sinnschweren Worte Jesu bildet den Hintergrund für diese Strophe, nämlich der Ausspruch Jesu, der im Evangelium des Johannes 12,24 niedergeschrieben ist:  „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht!“ Wenn das Weizenkorn in die Erde gelegt wird, verliert es zwar sein bisheriges Sosein, denn es geht in den Tod, doch dieser Tod bedeutet nicht das Ende seines Daseins,  sondern ist der entscheidende Schritt zur  eigentlichen Bestimmung des Weizenskorns: Indem das Weizenkorn nämlich in der Erde erstirbt, sieht es einer reichen Zukunft entgegen, die mit „viel Frucht“ umschrieben werden kann, denn sein Ersterben bedeutet nicht einfach  Vergehen. Zwar erstirbt das Weizenkorn in seinem Sosein, dabei jedoch setzt es einen Keim aus sich heraus,  schlägt Wurzel und lässt einen Halm aufwachsen.  „Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün“ so lautet das in diesem Lied insgesamt dreimal wiederholte Motto. Sollte es nämlich den Anschein haben, dass die Liebe in unserer harten und immer wieder so unendlich mitleidlosen und grausamen Welt nicht den Hauch einer Chance besitzt, dass sich die Liebe zwar verschenkt und aufopfert und es dabei so aussieht als würde sie im Nichts zerrinnen und keine nachhaltige Wirkung  haben, so als wäre sie zum Untergang verdammt, dann bleibt dennoch das Gegenteil wahr und wirklich:  „Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün“! Denn die Liebe, die in Gott selbst und damit im Leben Gottes ihren Ursprung besitzt, kann, weil sie ihren Ursprung in Gott hat,  nicht untergehen, kann nicht vergeblich sein, kann nicht bleiben ohne Keim, kann nicht bleiben ohne Wachstum und nicht bleiben ohne Halm! Das Leben und die Liebe, die von Gott ausgehen, behalten ihre Kraft und nehmen, wenn auch in kleinen Schritten, zu. „Liebe ist das einzige, das nicht weniger wird, wenn wir es verschenken“, so ein Ausspruch Albert Schweizers. Das Leben und die Liebe, die von Gott ausgehen, sind  niemals auf verlorenem Posten, obwohl  es manchmal den Anschein hat, dass das Licht der Liebe manchmal zu erlöschen droht. Immer wieder sieht es so aus, als würde der Stab über die Liebe gebrochen!

„Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab, wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab. Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehn? Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün.“

Lassen Sie uns einstimmen in diese zweite Strophe.

„Den Stab über etwas brechen“ so lautet eine Redewendung aus dem späten Mittelalter, genauer aus der Zeit Karls V., der 1532 das erste einheitliche deutsche Strafgesetzbuch, die Constitutio Criminalis Carolina geschaffen hat. Damals war es so, dass der Richter nach einem Todesurteil über dem Verurteilten seinen Gerichtsstab zerbrochen hat, und dem Verurteilten damit zu verstehen gab, dass ihm keine Berufung mehr möglich sei. Der Richter warf dem Verurteilten seinen zerbrochenen Stab vor die Füße und rief aus: „Nun helf dir Gott! Ich kann dir nicht mehr helfen.“ Es ist die Welt, so der Liederdichter, nicht der hohe Rat der Juden und auch nicht der römische Statthalter Pontius Pilatus, sondern eben die Welt, zu der wir alle gehören, die den Stab über die Liebe Gottes in Jesus Christus gebrochen hat, die Gottes Liebe ablehnt und Jesus ans Kreuz bringt und dort jammervoll sterben lässt.

Das Sterben und den Tod Jesu, liebe Gemeinde, haben wir uns gerade am Karfreitag vor Augen gehalten. Der Leidensweges Jesu als Weg der Befreiung von menschlicher Schuld hat uns tief bewegt: die Folter, der er ausgesetzt war, der Spott, den er ertragen musste, der Kreuzesweg, auf dem er sein eigenes Kreuz zu tragen hatte, das Annageln an das Holz des Kreuzes und der qualvolle lange Sterbeprozess an jenem Kreuz, ja der Eintritt des Todes. Das Sterben eines Menschen am Kreuz – wie überhaupt das Sterben auf irgendeine Weise - schließt menschliches Leben ab und beendet es definitiv,  denn Tod ist immer das Ende, das endgültige Ende Lebens.   Jesus ist tot, so formuliert der Liederdichter, und er beschreibt dann auch noch das, was wir  selbstverständlich schon wissen: Wer einmal tot ist, für den gibt es keine Möglichkeit mehr zu handeln,  auch die Möglichkeit der Flucht ist ihm genommen, wenn man denn an eine Flucht denken wollte. Denn mit dem Tod des Menschen enden alle Möglichkeiten und damit alle Hoffnungen. So jedenfalls  sagt es uns unsere  Erfahrung, mit der wir Menschen seit Anbeginn dieser Welt leben,  so das Gesetz von Werden und Vergehen.

 Doch gerade dieses unaufhebbare Gesetz, liebe Gemeinde, wird an Ostern bei Jesus gegen jede Erfahrung aufgehoben -  von der Kraft der Liebe Gottes, die im Sterben und Tod einen Keim treibt,  Wurzel schlägt und neues Leben hervorbringt: „Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün!“ Dies ist die gleiche Botschaft, die der Apostel Paulus in seinem Römerbrief hoch hält: „Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.“ (Rö 8,34.) Diese Liebe Gottes, so können wir sagen, ist nicht totzukriegen, sondern sie erhebt durch den Tod hindurch ihr Haupt zu neuem Leben. Genau das ist der Glaube und die Hoffnung, die wir an Ostern feiern.  Die Kraft des Lebens aus Gott, die Kraft der Liebe aus Gott, die hier mitten in unserer Welt wächst und grünt.  

Doch Vorsicht ist geboten, denn dem Wachsen und Grünen stehen Hindernisse entgegen.

„Im Gestein verloren Gottes Samenkorn, unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn – hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien: Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün.“

Lassen Sie uns einstimmen in diese dritte Strophe.

Gestein, Gestrüpp und Dornen erinnern an das Gleichnis Jesu vom vierfachen Ackerfeld. Das Samenkorn des Lebens und der Liebe Gottes fällt bei uns Menschen nicht unbedingt wie auf gutes Land, sondern wie oft genug wie auf Steine, wie in ein Gestrüpp, wie unter die Dornen.

Bei mir wird sich doch nichts ändern; ich bin wie ich bin; das war so, das wird so bleiben; und mein Nachbar: der ist auch nicht besser als ich und auf eine Besserung hoffen? Das ich nicht lache! Das Lebenswort Gottes: Wo ist es denn angesichts der Flugzeugkatastrophe in den französischen Alpen? Tritt nicht gerade bei diesem Todesflug die ganze abgründige Bosheit und Unbegreiflichkeit, ja Unverbesserlichkeit des Menschen mit ganzer Schärfe hervor? Und ist dieser Todesflug vielleicht sogar ein Zeichen für den Todeskurs auf dem sich die ganze Menschheit in mancher Hinsicht befindet?

 Es hat den Anschein, als würden wir Menschen kaum oder zumindest viel zu selten den Weg des Lebens und der Liebe Gottes einschlagen, als wären Sünde, Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Tod die eigentlich herrschenden Mächte in unserer Welt. Den Zustand unserer Welt mit Nacht und Dunkelheit zu vergleichen und damit im Karfreitag das Ende aller Dinge abgebildet zu sehen, liegt u.U. sehr viel näher als der Vergleich unserer Welt, die dem anbrechenden Morgen und Tag entgegengeht. Man könnte für die Menschheit durchaus ganz und gar die Hoffnung verlieren, wenn man die Weltgeschichtlichen Ereignisse verfolgt, wenn man die Verrücktheiten bedenkt, zu denen wir Menschen fähig sind.  Die Herzen der Menschen gefangen in tödlichem Gestrüpp und verloren unter giftigen Dornen. Doch der Dichter dieses Liedes lässt die Hoffnung keinesfalls sinken, sondern richtet sie gerade auf, denn er sieht diese Welt unter dem Segen Gottes gerade in die andere Richtung gehen:  „Hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien!“  Durch das neue Leben Jesu büßt der Tod seine Macht ein und  ist, wenn man so will,  selber getötet worden. Die Liebe Gottes keimt und wächst trotz des steinigen, mit Gestrüpp und Dornen bewachsenen Bodens. Sie lässt sich einfach nicht totkriegen.

Und auch unsere Liebe kann wachsen, wenn die Liebe Gottes in uns lebt. Sie kann wachsen, wie ein grüner Halm, der sich Bahn bricht.
Die Liebe zu Gott und die Liebe unsern Freunden und Feinden, zu Menschen, die uns ähnlich sind und zu Menschen, die völlig anders sind als wir; zu Menschen, die wir verstehen und zu Menschen, die wir nicht verstehen; zu Menschen, die Hilfe brauchen; zu Menschen, die geliebt werden von Gott, ganz gleich, was sie getan oder nicht getan haben; zu Menschen, die auf dem Ackerfeld des Lebens durch die Kraft Gottes wachsen und gute Früchte hervorbringen können, Früchte der Liebe Gottes. Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün!
 
Fritz Rosenthal, ein jüdischer Mitbürger, am 20. Juli 1913 in München geboren, emigrierte 1935 nach Israel. Er nannte sich Schalom ben Chorin und sagte einmal: „Muss man nicht ein bisschen verrückt sein, um die Hoffnung nicht aufzugeben in dieser Welt, und den Glauben an Gott?“ Schalom ben Chorin hat an der Hoffnung des Glaubens  trotz allem was gegen sie zu spricht, festgehalten. Zu seinen berühmtesten Worten zählt das Gedicht, das er 1942 während des zweiten Weltkrieges in Jerusalem geschrieben hat: „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt? Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht, doch des Lebens Blütenzweig sanft im Winde weht.“ Es ist der Atem der Hoffnung aus Gott, der hier zu spüren ist, der Atem des göttlichen Lebens, das wir Ostern feiern, der Atem, den Gott selbst seiner Schöpfung eingehaucht hat, der Atem des Lebens und der Liebe, die nicht untergeht, sondern durch Gottes Kraft wächst: „Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün!“ Amen.



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