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Matthias Claudius – Der Mond ist aufgegangen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Was ist dein einiger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele, beides, im Leben und im Sterben nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin…“ Mit diesen Worten beginnt der Heidelberger Katechismus aus dem Jahre 1563.   Angesichts von Verlust und Tod haben viele Menschen in diesen Worten Kraft und Trost gesucht und gefunden. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ so sagt es ein Bibelwort, das uns an unser Trostbedürfnis erinnert, erinnert, dass wir nicht ohne Trost bestehen können, denn Verlust und Trauer, Trennung und Schmerzen begleiten das Leben.  Wo und wie allerdings jeder einzelne sich trösten lässt, bleibt dem eigenen Herzen überlassen.

Heute möchte ich Ihnen einen Menschen vorstellen, der Gottes Nähe und Trost in den schweren Zeiten seines Lebens so eindrücklich erfahren hat, dass er seine Gedanken in zu Herzen gehende Worte gefasst hat, die dann auch für viele andere in ihrer Trauer und in ihrem Schmerz zu Quellen der Kraft und des Trostes geworden sind:  Matthias Claudius, Journalist und Dichter, Zeitgenosse und zum Teil auch Gesprächspartner von Herder, Lessing, Goethe und Kloppstock. Im Jahre 1815, also vor genau 200 Jahren ist M. Claudius verstorben, geboren worden war er im Jahre 1740. Als M. Claudius geboren wurde, bestieg Maria Theresia in Wien den kaiserlichen Thron und Friedrich II. wurde König in Preußen. Als er starb, 1815, wurde der französische Kaiser Napoleon bei Waterloo vernichtend geschlagen. Zwischen 1740 und 1815 reichte demnach die Lebenszeit des Matthias Claudius, dessen berufliches Wirken als Journalist des sogenannten Wandsbecker Boten seinen Höhepunkt hatte.  

Der Tod, liebe Gemeinde, war für M. Claudius kein Unbekannter. Obwohl der Tod niemandem unbekannt ist, zogen sich die Wolken des Todes über M. Claudius doch viel dunkler zusammen als über vielen anderen.

M. Claudius erlebte mit, dass bereits früh drei seiner Geschwister verstarben. Mit seinem Bruder Josias begann er ein Theologiestudium, dass der Bruder allerdings nicht beendete, weil dieser an Pocken erkrankte und ebenfalls verstarb. Später gründete Claudius eine Familie und musste den Tod zweier seiner Kinder hinnehmen. Auch er selber wurde einmal todkrank, so dass er befürchtete, sterben zu müssen. Im Jahre 1774 ließ er für eines seiner Bücher einen Kupferstich anfertigen, auf dem der Tod als aufrechtstehendes Menschenskelett mit einer Sense in der erhobenen rechten Hand dargestellt wird.  Dieser Kupferstich ist weit verbreitet und auch heute noch manchmal zu sehen. M. Claudius wollte den Tod allerdings nicht als einen Feind betrachten, sondern schrieb unter das Bild des Menschenskelettes mit Sense die denkwürdigen Worte: Freund Hain. Der Tod wurde für ihn fast zu einem Freund, der zum Leben gehört. Mit großer Gelassenheit und Ruhe setzte sich Claudius mit ihm auseinander und blickte ihm mit mutigen Augen ins Gesicht – und einem getrösten Herzen!

Wie M. Claudius Trost finden konnte angesichts  des Todes, der an keinem Menschen vorübergeht,  fasste er in eindrücklichen Worten zusammen, die vielen evangelischen Christen bekannt geworden sind, Liedworte, die wir unter der Nummer 482 in unserm Evangelischen Gesangbuch abgedruckt finden: „Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar.“  Mit diesen wunderschönen Worten beginnt sein Abendlied, wie er es nennt,  sein Trostlied, wie wir es auch bezeichnen können. Die letzte, also die siebte Strophe des Liedes gibt Einblick in das Herz eines getrösteten Menschen.  

 

So legt euch denn, ihr Brüder,

in Gottes Namen nieder;

kalt ist der Abendhauch.

Verschon uns, Gott, mit Strafen

und laß uns ruhig schlafen.

Und unsern kranken Nachbarn auch!

Kalt ist der Abendhauch – so heißt es da.  Von jeher sind Abend und Nacht Zeichen und Symbole für die Vergänglichkeit der Menschen, für das Sterben und den Tod. In der Nacht zieht die Kälte herauf, das Leben ändert seinen Rhythmus und scheint zu erlahmen. Das Wörtchen Hauch erinnert nicht nur an den Atem des Menschen, sondern es ist, als solle damit gesagt werden, dass der Tod dem Menschen den Atem raubt und der Mensch seinen Atem aushaucht. Alles hat nun ein Ende. Das Leben ist vorüber. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zerrinnen zu einem Punkt der Erinnerung in den Herzen der Menschen. Manche Menschen verzweifeln. Doch nicht so M. Claudius. Nicht  Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung bemächtigen sich seiner, sondern er legt sich seelenruhig und friedevoll zur Nacht in sein Bett: Gott lässt ihn ruhig schlafen und beschützt ihn vor allem Unglück, das er Strafe nennt. Wir empfinden geradezu seine unendliche Gelassenheit, seine Ruhe und sein Gefühl der Geborgenheit in Gott. Er hat sogar noch Kraft,  an seinen kranken Nachbarn zu denken und für ihn zu beten. Mit diesen zutiefst erstaunlichen Worten öffnet dieser Dichter sein Innerstes und lässt uns darüber staunen, dass er als ein getrösteter Mensch, trotz des Tages Jammer, wie es in Strophe 2 heißt, ruhig, behütet und bewahrt schlafen kann.  Es ist, als ob ihm der warme Schein des Mondes, ein Zeichen für Gottes Hilfe und Gottes Kraft wird.

Der aufgehende Mond ist das wichtigste Zeichen und Symbol in diesem Abendlied. In der Zeit des  M. Claudius machten viele Menschen die Sonne zu ihrem Zeichen für die Erklärung der Welt. Die Wissenschaften kamen auf und entwickelten sich. Neue Erkenntnisse über die Welt und den Kosmos veränderten das Denken der Menschen. Es war, als würde eine Zeit der Erklärung aller Dinge aufbrechen, eine Aufklärung,  die vieles Unbekannte plötzlich verstehen konnte. Der französische Philosoph Pierre Simon Laplace erklärte damals dem Kaiser Napoleon die Welt und behauptete am Ende sinngemäß: „Gott? Diese Hypothese habe ich nicht nötig!“  Es ließe sich also alles ohne Gott erklären. M. Claudius hingegen richtet sich gegen die Meinung, als gebe es keine Grenzen der Erklärung.  Deshalb wählt er eben nicht die Sonne, sondern den Mond zu seinem Zeichen und Symbol. Wie der Mond sein Licht von der Sonne, so hat auch der Mensch seine Erkenntnis nicht aus sich selber, sondern empfängt sie aus einer anderen Welt. Und wie der Mond zwar mit seinem milden und warmen Licht die Nacht erhellt, so ist auch dem Menschen Erkenntnis gegeben – doch keineswegs vollkommene, keineswegs Einsicht in alles, sondern in Grenzen. Manches ist und wird nicht hell, sondern bleibt grau in grau, wie im Mondlicht der Nacht. Das Leben besitzt eine  geheimnisvolle Seite, die sich nicht erklären lässt.  M. Claudius spricht diese Überzeugung in dem wichtigen Vers drei aus:

 

Seht ihr den Mond dort stehen?

Er ist nur halb zu sehen

und ist doch rund und schön.

So sind wohl manche Sachen,

die wir getrost belachen,

weil unsre Augen sie nicht sehn.

 

Das Leben beisitzt tatsächlich eine Seite, ja eine Tiefe, an der alle Erklärungen scheitern, denn alles, was wir Menschen wissenschaftlich feststellen können, ist ja nicht die ganze Wirklichkeit als solche, sondern nur ein Teil von ihr. Und auch  Mensch selber ist mehr als nur Fleisch und Blut, die Welt und der Kosmos sind mehr als Staub und Gravitation. Es gibt eine Wirklichkeit hinter oder jenseits der sichtbaren Wirklichkeit, ob man es glauben mag oder nicht. Die einen lachen über diesen Gedanken, die anderen suchen und finden darin Trost für ihr Leben. M. Claudius hört und erkennt Gott in der unsichtbaren Welt. Er erlebt, dass Gott sich um ihn sorgt und sein Leben, vom ersten bis zu seinem letzten Atemzug begleitet. Sein Vertrauen auf Gott spricht M. Claudius in den Versen 4-6 aus, der letzte, Vers 7, setzt dann den Schlusspunkt. In 4-6, hier in der Mitte seines Abendliedes spricht M. Claudius  von Menschen, die gar nicht viel wissen, deren Wissen also begrenzt ist, von Menschen, die deshalb nicht nur auf Vergängliches vertrauen sollten, von Menschen, die mit dem Tod rechnen müssen und deshalb Gott nur bitten können, dass er sie in sein Reich aufnimmt - M. Claudius redet in einfacher Sprache von „in den Himmel kommen“.  Danach schließt er sein Abendlied – wie wir es bereits kennen -  mit dem bemerkenswerten Vers 7, dem Höhepunkt, der Bilanz am Ende, dem Schlussakkord, in welchem er erzählt, dass er trotz des kalten Abendhauches ruhig und geborgen in Gott einschlafen kann. Er muss den Tod nicht länger als einen Feind betrachten, weil er sich und den Tod von Gottes Macht umfangen weiß. Er ist geborgen in Gott, der wahren Sonne, deren Kraft niemals endet, der Quelle allen Lebens. Vielleicht hat M. Claudius  dabei auch an die letzten Worte der Offenbarung des Johannes gedacht, in denen es heißt:  „Und es wird keine Nacht mehr sein und sie bedürfen keiner Leuchte und nicht des Lichts der Sonne; der Gott der Herr wird sie erleuchten von Ewigkeit  zu Ewigkeit.“

M. Claudius starb vor 200 Jahren. Wir hören sein Glaubenszeugnis wie aus einer anderen Zeit. Wir müssen es nicht übernehmen, denn unsere Zeit hat ihre eigenen Probleme und Herausforderungen und leidet doch – wie die Menschen damals – an der gleichen Vergänglichkeit. Der Tod geht auch an uns nicht vorüber. Viele von uns haben in den vergangenen Monaten und Jahren Menschen verloren, die wir noch gerne bei uns hätten. Sicher sind wir ihnen in unsern Herzen verbunden, doch kann auch diese Herzensverbundenheit nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie nicht mehr bei uns sind.  Jeder Mensch steht deshalb vor der Frage: Was ist mein Trost im Leben und im Sterben?  Woran halte ich mich und was hält mich, wenn alles im meinem Leben vergeht? Wovon werde ich gehalten? Ja, was ist es, dass mich ruhig einschlafen lässt – trotz Krankheit, Unglück, trotz Krieg und Terroranschläge, die mich unsicher machen können? Was lässt am Abend ruhig einschlafen und mich am Morgen fröhlich und zuversichtlich aufstehen und dankbar den Tag annehmen?

 

An M. Claudius wird erkennbar wie das möglich ist. Er wusste sich geborgen in Gott – im Leben und im Tod.  Einen Gedanken, mit dem er diese Geborgenheit noch einmal in Worte fasst,  setzte ich an den Schluss:

„Der Mensch lebt und bestehet
Nur eine kleine Zeit;
Und alle Welt vergehet
Mit ihrer Herrlichkeit.
Es ist nur einer ewig und an allen Enden,
Und wir in seinen Händen.
Amen.  

 

 



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