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Philipper 4,4-6, 4. Advent 2015

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es geschah einmal, dass einer der großen russischen Schriftsteller, Maxim Gorkij, Amerika besuchte. Man zeigte ihm alle möglichen Dinge, die die Amerikaner erfunden hatten, um sich zu unterhalten und sich abzulenken. Der Mann, der ihn herumführte, erwartete, dass Gorkij begeistert sein würde. Doch je mehr er herumgeführt wurde, desto unglücklicher und trauriger wirkte er. Der Führer fragte ihn schließlich: „Was ist los? Verstehen Sie das alles nicht?“ Maxim Gorkij entgegnete: „Ich verstehe es sehr wohl – und das ist es, was mich traurig macht. Dieses Land muss sehr freudlos sein, denn sonst wäre kein Bedarf für so viel Unterhaltung.“

Freude  - Unterhaltung. Meinen beide das gleiche oder doch etwas anderes? Wichtig ist diese Frage, weil Predigttext für diesen 4. Advent sehr deutlich  zur Freude aufruft! Paulus schreibt in seinem Brief an die christliche Gemeinde in der griechischen Stadt Philippi:

„Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!

Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“

Liebe Gemeinde, Was hat der Apostel Paulus eigentlich im Sinn, wenn er die Christen damals, ja letztlich auch heute zur Freude aufruft?

Einige Tage vor Heilig Abend erwarten viele Kinder das Weihnachtsfest mit großer Vorfreude. Ebenso spüren auch Erwachsene  Vorfreude  – auf das gute und schmackhafte Essen, dass es so nur zu Weihnachten   gibt, auf das gemütliche Zusammensein in der Familie, auf die Fotos, auf das Erzählen wie es einem jedem so geht, auf Spaziergänge  - im Schnee – oder sollte ich treffender sagen bei warmem Sonnenschein? Noch 3-4 Tage bis Heilig Abend! Beim einigen Menschen könnte die Freude an diesem vierten Advent durchaus gedämpft sein, denn an vieles ist noch zu denken: für diesen und jenen müsste noch schnell ein Geschenk beschafft werden und vielleicht befindet sich auch die Ente oder ein anderer Braten noch nicht in der Tiefkühltruhe. Die Wohnung ist noch sauber zu machen und der Weihnachtsbaum wartet noch auf seinen Schmuck - ob das alles in der kurzen Zeit noch zu schaffen ist? Und hoffentlich gibt es dann am Heiligen Abend keinen Streit, hoffentlich schmeckt allen das Essen, hoffentlich gefällt jedem sein Geschenk – die Nähmaschine, die ich im vergangenen Jahr meiner Frau kaufte – ich gebe zu, kein so sinnvoller Kauf - , befindet sich noch auf dem Dachboden! Und hoffentlich kommt Freude auf, Lachen, fröhliche Gesichter, glückliche Augen.  Die meisten Menschen  sehnen sich nach echter Freude.

Echte Freude, liebe Gemeinde, ist eben nicht dasselbe wie Freude durch Unterhaltung, Freude beim Einkaufen und Freude beim Ansehen eines unterhaltsamen Fernsehprogramms. Wenn Unterhaltung und Freude dasselbe wären, dann säßen vor den Fernsehern nur glückliche Menschen, dann würden nur fröhliche Menschen durch die adventlichen Einkaufstrassen pilgern. Doch wenn man genauer hinsieht, erzählen die Gesichter der Menschen gerade an Weihnachten viele Geschichten und zwar nicht nur Geschichten echter Freude.  Da sitzen Menschen auf kalten Steinen, die eine milde Gabe erwarten; da streiten sich zwei auf der Straße; da fällt jemand zu Boden, weil er mit seiner großen Einkaufstasche einfach viel zu schnell den nächsten Laden erreichen will. Überall erklingen bekannte Weihnachtslieder, gesungen von Stars und Sternchen:  O du fröhlich, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit… freue dich, o Christenheit. Was für eine Weihnachtsstimmung –   vor Regalen mit funkelnden Spielsachen, vor Ausstellungen mit herrlich bemaltem Geschirr: Freue dich, o Christenheit! Liegt darin die wahre Freude, dass sich ein Mensch von dieser Weihnachtsstimmung berühren lässt und  etwas Schönes einkauft?

In den vergangenen Wochen sind viele Menschen aus anderen Ländern zu uns gekommen, als interessierte Gäste, die gerne wissen möchten, wie wir leben, was wir glauben, wie wir denken.  Oft sind es Menschen für die der eigene Glaube und die eigene Religion eine große Bedeutung besitzen.  Sie kommen und schauen und fragen, welche Werte und Überzeugungen unser Leben bestimmen, die wir sie willkommen heißen, die wir sie als Gäste aufnehmen, die wir ihnen beistehen. Welche Werte und Überzeugungen prägen unser Leben? Stehen wir auf einem Fundament, das fest und sicher ist, mit dem wir leben und sterben können – oder ist unser Lebenshaus eher auf Sand gebaut?  Was trägt uns durch das Leben – was schenkt uns wahre Freude? Was können wir den Menschen sagen, wenn sie uns fragen, was wir denn wirklich glauben, wofür es sich zu leben lohnt? Was macht uns wirklich froh? Vielleicht können uns die Menschen aus andern Ländern Anlass dazu bringen, dass wir unser eigenes Leben noch einmal bedenken, gründlicher bedenken als bisher und in die Tiefe gehen.

Der Apostel Paulus spricht in diesem kurzen Text nämlich von einer tiefen, echten  Freude, von einer Freude, die nicht einfach identisch ist mit der Freude an Besitz, an Stimmung, an einer schönen Feier.  Über all das hinaus gibt es eine Freude, so seine eigene Erfahrung und Überzeugung, die nicht auf äußerliche Weise zugänglich ist, die nicht von außen an uns herantritt, sondern im Menschen  entsteht – die deshalb auch nicht durch den Wind der Umstände verweht werden kann.

Als Paulus diese Worte niederschrieb, befand er sich auf Grund seines christlichen Glaubens in Haft. Im Gefängnis befinden sich bekanntlich viele Menschen, allerdings ist ungewöhnlich, dass  einer wegen seines Glaubens, bzw. wegen seiner Religion inhaftiert wird. Immer wieder legen wir in der Kirche, ganz hinten an den Ausgang, Briefvorlagen aus, die jeder von uns unterschreiben und verschicken kann. Mit solchen Briefen kann sich jeder von uns für unschuldig verfolgte Menschen einsetzen – für Menschen, die aus religiösen, politischen oder trivialen Gründen inhaftiert  sind, die oft sogar gefoltert werden. Paulus hat manches davon ebenfalls erlebt. Mehrfach ist er wegen seines Glaubens an Jesus ausgepeitscht worden, mehrfach in Gefangenschaft geraten, mehrfach musste ersich vor den Mächtigen seiner Zeit verantworten. Aus dem Gefängnis heraus erinnerte er die Christen deshalb mit seinem Philipperbrief an jene Freude, die das Fundament ihres Lebens ausmachte, ohne sie zum Protest aufzurufen. Nichts sollte diese  Freude eintrüben, auch nicht der Gedanke an seine Inhaftierung.  Seine Freude war für ihn unabhängig von äußeren Umständen, denn sie wurzelte Vertrauen auf Gottes Handeln in  Jesus Christus. Deshalb wurde sie in seiner Gefangenschaft eine Quelle der Kraft  und ein Fundament auf dem er sich stehen konnte, obwohl man ihn niederwerfen wollte. Gottes Gnade, Güte und  Barmherzigkeit, die ihm in Jesus aufleuchteten, trugen ihn durch die Nacht seines Lebens und nahmen ihm die Ängste vor dem Leid, das er erfuhr.  Er erlebte Gott  gerade in jenem Gefängnis als einen gütigen Vater, der über ihm wachte. In diesem Vertrauen konnte er auch in seiner Zelle ruhig schlafen, denn die Welt war Gottes Welt und sie würde zu blühen beginnen, wenn Gottes Zeit gekommen war – so wie es diese modernen Liedworte formulieren:

Wo ein Mensch Vertrauen gibt, nicht nur an sich selber denkt,

fällt ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht.

Wo ein Mensch den andern sieht, nicht nur sich und seine Welt,

fällt ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht.

Wo ein Mensch sich selbst verschenkt, und den alten Weg verlässt,

fällt ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht.

Moment mal – könnte jemand einwenden. Klingt das nicht ein wenig wie Fanatismus? Wird da nicht durch den Glauben eine Grenze überschritten, die Menschen auf irrationales, unvernünftiges Gebiet führt?

Und in der Tat, als Paulus eines Tages vor König Agrippa antreten musste und die Gelegenheit erhielt, seine Überzeugungen zu erläutern, bemerkte der anwesende Prokurator Festus: „Paulus, du bist von Sinnen! Das große Wissen macht dich wahnsinnig!“ Darauf Paulus kurz und bündig:  „Edler Festus. Ich bin nicht von Sinnen, sondern ich rede wahre und vernünftige Worte.“  - Doch vor allem, liebe Gemeinde, gründeten seine Worte auf seiner Erfahrung und Überzeugung  von der Güte,  der Gnade, der Liebe Gottes, in der sein Herz verankert war. Deshalb fragt es sich: Kann ein Mensch denn je „zu überzeugt“ sein von der Güte, der Gutheit, der Gnade und der Liebe Gottes?  Ich denke, eines ist klar: Vom Bösen kann man sehr wohl „zu überzeugt sein“ – jedoch vom Guten? Im Leben des Paulus war eine Freude gewachsen,  die auch in stürmischen Zeiten Bestand hatte. Sie brachte ihn auch dazu, viele gefährliche Reisen zu unternehmen,  um Menschen zu erzählen, wie gut es Gott mit ihnen meint – dabei scheute er kein Opfer. Er wußte sich in den Spuren Jesu.   Ein afrikanisches Sprichwort lautet: „Freude ist ein Lied im Magen“, ein Lied also, dass im Innersten des Menschen erklingt und nicht verhallt, wenn die Lautsprecher abgestellt werden oder weil die Party zu Ende ist. Die Freude am Leben und die Freude an der Liebe, die Gott schenkt, erwächst aus dem Vertrauen auf Gottes Güte, die den Umgang mit Menschen bestimmt. Sie trägt auch durch schwierige Zeiten und Umstände.  Samuel Koch, der einst bei „Wetten dass“  verunglückte, erklärte später einmal folgendes: „Es  sollte eigentlich jeder logisch denkende Mensch an Gott glauben. Pascals Zeitgenosse Sir Isaac Newton, englischer Physiker und Astronom, schrieb: «Wer nur halb nachdenkt, der glaubt an keinen Gott, wer aber richtig nachdenkt, der muss an Gott glauben.» Und deshalb glaube ich lieber daran, dass das alles nicht nur ein blöder Unfall gewesen ist und fertig, sondern dass auch dieses Kapitel meines Lebens zu einer Geschichte gehört, die noch nicht zu Ende ist ...“  Wenn die Freude ein Lied ist, das im Magen liegt, bleibt immer etwas von ihr, egal wie die Umstände sind. Sie ist etwas von dem, dass durchs Leben trägt… Amen.  

 



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