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Lukas 2,16-17, Christvesper 2015

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Als sie aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.“

Da rennen sie über die Felder, ihre Mäntel flattern im Wind, ihre Stöcke treffen den Boden hart. Nichts hören, nichts sehen, nichts wahrnehmen - außer in Gedanken:  den Stall, die Krippe, den in Windeln gewickelten Christus, den Herrn und Heiland, wie ihn die Engel genannt haben.  So dunkel, so uneben oder gar steinig der Weg über die Felder auch ist,  sie rennen! Sie riskieren, dass einer oder mehrere von ihnen zurückbleiben, nicht mithalten können und einer oder mehrere fallen. Sie rennen, was das Zeug hält. Ob die Engel das im Sinne hatten?  „Und sie kamen eilend….“

Das Eilen, das Rennen, das Laufen ist allen bekannt,  vor allem an Weihnachten. Da musste schnell noch die Wohnung gerichtet, der Tannenbaum geschmückt und letzte Geschenke eingekauft werden, ach – und das Festessen wartete noch auf sorgfältige Zubereitung. Dies und das war noch zu tun, ist noch zu tun. Doch das Eilen, das Rennen und Laufen sind auch zu anderer Zeit nicht seltener. Manchmal erscheint das Leben wie ein Multitasking, vieles wird en passant erledigt, so nebenbei, vieles zugleich: Lesen, schreiben, Radio, Smartphone, essen – alles zur gleichen Zeit! Wer nur grad einmal mit einer Sache befasst ist, scheint bereits Zeit zu vergeuden, so sagt man es sich selbst, so sage ich es mir und vielleicht auch sie. Leben wie im Geschwindigkeitsrausch inmitten einer Turbogesellschaft. Als ich neulich im ICE vor Kasel auf die Geschwindigkeitsanzeige schaute, zeigte diese sage und schreibe 252 an! Immer schneller voran, immer weiter, immer besser, immer neue Modelle, ob in der Mode, in der Autoindustrie oder in anderen Bereichen. Erledige so viel wie möglich in deiner Zeit! Sei stets auf dem neuesten Stand! Komme allen Verpflichtungen nach – und lebe ständig mit einem schlechten Gewissen, das du doch nicht alles geschafft hast! Und werde im Beruf immer besser – jedenfalls nicht schlechter!  Leben auf der Überholspur und im Geschwindigkeitsrausch! Für solche Leute gibt es sogar ein Spezialvaterunser. Es lautet: Vater unser, erlöse uns von dem Bösen. Punkt. Genug. In Ewigkeit. Amen.  Doch reicht das alles, liebe Gemeinde? Ist es das, was wir Menschen brauchen? Was uns glücklich macht – durchs Leben zu eilen, durchs Leben zu rennen? Eine arabische Anekdote erzählt von einem Pilger, der nach Mekka kam, um am Heiligtum zu beten. Doch an der Kaaba, dem heiligen Stein, gelingt es ihm nicht, seine Gedanken zu sammeln. Während seine Lippen leere Formeln aussprechen, hört er sich selbst zu und findet seine Gedanken bei ganz anderen Dingen. Er fragt einen Priester um Rat. „Seit wann bist du hier?“  antwortet der Priester. „Seit gestern. Ich kam mit dem Flugzeug.“ „Dann habe Geduld, mein Sohn. Die Seele kommt nach. Sie geht lieber zu Fuß.“

Die Hirten eilen über die Felder – und erreichen tatsächlich die junge Familie in jenem Stall. Und sie erkennen – das Kind in der Krippe! Was mag ihnen dabei durch den Kopf gegangen sein? Ganz bestimmt nicht ihre Herden, die sie zurückgelassen hatten, auch nicht der eine Hirte, der bei den Schafen geblieben war, weil ihn dieses Los getroffen hatte,  vielleicht aber vieles von dem, was auch in uns vorgeht, wenn wir ein neugeborenes Kind bestaunen,   in seine Augen blicken, seine Händchen streicheln, wenn wir es berühren und in unserm  Herzen von ihm berührt werden. Es sind unaussprechliche Gedanken und Gefühle, die aufsteigen, wenn ein solches Kind in das Herz seines Betrachters blickt. Berühren und berührt werden – nicht nur äußerlich, sondern Innen, tief Innen. In den Herzen der Hirten hallten die Worte nach: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr, in der Stadt Davids.“ Wir wissen nicht, wie lange das Anschauen des Kindes gedauert hat, eine Ewigkeit jedenfalls, wie lange und wie tief das Nachdenken und über das Kind und die Engelworte gewesen ist – eine Ewigkeit jedenfalls! Als sie das Kind berührten und von ihm berührt wurden da war es als bliebe die Zeit stehen, als strömte Ewigkeit in die Zeit, als würden Himmel und Erde sich  verbinden: Dieses Kind, Christus, der Herr, der Heiland! Vielleicht wurde dabei nur wenig geredet oder auch gar nichts gesagt. Wer sich berühren lässt, braucht nicht laut zu schreien, zu fordern, zu kritisieren, zu lamentieren…

Ist es nicht, liebe Gemeinde,  unschätzbar viel wert, ein solcher Augenblick der Stille, eine solche in sich ruhende Stunde, eine solche Ewigkeit? Die Seele hineinzuhalten in den Augenblick - anhalten, nicht mehr weiter rennen, nicht mehr schaffen, machen,  erledigen – sondern Einkehr zu üben, berühren und sich berühren zu lassen. Denn Berühren und Berührt werden sind unmöglich bei der Turbogeschwindigkeit des Rennens und Hastens und Erledigens  –Berühren und Berührt werden brauchen Zeit und Stille und Muße und Ruhe.  Dazu muss man ankommen an einem Stall und  an Menschen, die zu Boten Gottes für mich werden, die sanft hinweisen, wie das möglich ist, das berühren und das berührt werden. Diese Welt, die im Alltag, gerade wegen ihrer Geschwindigkeit stumm und resonanzlos geworden ist  - sie kann, wenn das Herz berührt wird, wieder zu singen beginnen, wieder zu klingen, wieder zu tönen, wieder zu leben und zu atmen. Ist denn nicht das sogenannte burn-out  nichts anderes als das Verstummen der Welt auf vielen Ebenen? Manchmal rast der Zug des Lebens so schnell, dass kein Ton mehr bis zum eigenen Herzen vordringt.

Ich habe Religionsschüler in der Schule gefragt wie sie Weihnachten feiern. Was sie erzählten, war nicht neu für mich. Nur eines fiel mir auf: Bei keinem von ihnen kehrte am Heiligen Abend eine Stille ein, die es möglich machte, die Weihnachtsgeschichte zu lesen und zu hören.  Unser Herz kann berühren und berührt werden – gerade am Heiligen Abend. Die Welt singt, sie singt für alle, die es hören.  

 

Schläft ein Lied in allen Dingen,

die da träumen fort und fort,

und die Welt hebt an zu singen,

triffst du nur das Zauberwort.

Josef von Eichendorff.

 

Auch Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, alias Novalis blickt tief: „Alles Sichtbare haftet am Unsichtbaren“ hält er fest. Wer so klar sehen und so genau hören will, wer berührt werden möchte von jener anderen Welt, kann den Weg finden,  indem er ankommt, indem er stille hält und sich öffnet. „Religion will den Menschen im Herzen berühren“ so Mouhanad Khorchide, Islamwissenschaftler. 

Wie kann es sein, dass es so viel Ungerechtigkeit, Unbarmherzigkeit, Unversöhnlichkeit in der Welt gibt? Vielleicht auch deshalb, weil Menschen unfassbar schnell durchs Leben hetzen und sich nicht wirklich berühren lassen – von Gott und ihren Mitmenschen.   Vielleicht auch deshalb, weil so viel Wichtiges zwischen ihnen, Gott und anderen Menschen getreten ist, dass sie das Wichtigste nicht mehr erkennen und verstehen können. Wer mit Hochgeschwindigkeit in den Spuren der Tradition, seiner Gewohnheiten, seiner Vorurteile und seiner Interessen dahin rast und kaum jemals einen Bahnhof findet, an dem er hält -  wie kann der berührt werden von jenem Kind im Stall, von Jesus, von Gott, von einem Menschen? 

Das Berührtwerden der Hirten bleibt für den Evangelisten Lukas ein Geheimnis, er berichtet davon nur im Rückblick auf die Vergangenheit. Dass die Hirten jedoch in der Tiefe ihres Herzens berührt worden sind, dass es möglich war und ist, berührt zu werden -  trotz allen Eilens und Rennens und Laufens, wenn man denn stille hält, darüber besteht kein Zweifel, denn heißt es: „Sie breiteten das Wort aus, das zu ihnen gesagt war!“

 Berührung und berührt werden können Tränen der Freude, des Glückes oder auch des Schmerzes hervorbringen, können neuen Mut schaffen, neue Kraft aufsteigen lassen, neue Hoffnung erzeugen, können aufrichten und die Welt wieder vom Kopf auf die Füße stellen. Was die Hirten damals erzählten, hat nicht nur das Herz der Maria erreicht, sondern die Herzen vieler anderer,  in jener Zeit und in unserer.  Auch der Evangelist Lukas hörte in der Botschaft der Hirtenherzen die frohe Nachricht für die ganze Welt. Sie gab den Startschuss für das Leben und das Wirken Jesu und für die Entstehung der christlichen Gemeinde im damaligen Israel. Wer sich darauf einlässt -  berühren und berührt werden - , trägt eine Botschaft in sich und kann zum Botschafter der Versöhnung  werden.

Milena Schaller, eine 23 jährige Schweizerin, hat solche Berührung erfahren, Berührung von Nuru, einem sechs Monate alten Mädchen in Tansania, das sie erst unter Lebensgefahr ins Krankenhaus brachte und ihm das Leben rettete, nur um dann eine kurze Zeit später, als sie bereits wieder abgereist war,  per sms zu erfahren,  dass das bei ihrer Abreise gesunde Mädchen an Malaria gestorben sei, weil es nicht rechtzeigt behandelt wurde. Milena Schaller weinte, verzweifelte, trauerte. Doch die Berührung in ihrem Herzen starb nicht, so dass sie sagte: „Nuru muss weiterleben. Ich will in ihrem Namen weiterkämpfen.“ Deshalb gründete sie in ihren jungen Jahren in der Schweiz eine Stiftung, um in Tansania Geburtshäuser für Mütter zu bauen. 50000 Franken kamen für die Gründung zusammen, heute, eineinhalb Jahre später sind es bereits 200000 Franken und mehr.  Es gibt Augenblicke des Berührens und des Berührtwerdens. In ihnen entstehen Welten, in ihnen erwächst Kraft zum Weitersagen, zum Weitertragen, Schritt für Schritt, in Geduld und mit Ausdauer. Wir erfahren nicht, dass die Hirten zurückgerannt sind, denn es gab für sie viel nachzudenken und vieles zu besprechen. Das Schneller, das Weiter, das Höher, das Immer mehr als solches kann nicht die Lösung sein. Wir haben das Kind in der Krippe vor Augen und können uns besinnen, hier und heute oder zu einer  Stunde, in der wir das Wunder erkennen – das  kann einen großen Unterschied machen, für uns und für andere. Weihnachten an der Krippe.  Amen.

 

 



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