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1.    Petrus 2,21-24, Konfirmation 2016

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde,
Müllers und Schmidts waren Nachbarn, die jahrzehntelang friedlich zusammen lebten, bis Frau Schmidt sich von Frau Müller eine Bratpfanne auslieh und diese nicht mehr zurückgab. Daraufhin passierte folgendes: Frau Müller verbreitete über Frau Schmidt, sie sei eine Schlampe; die Söhne von Frau Schmidt überfielen deshalb den Jüngsten der Familie Müller und verprügelten ihn; Familie Müller schlug zurück, indem einer von ihnen Frau Schmidt die Einkaufstasche über den Kopf zog, so dass diese sich verletzte; darauf hin schlug Herr Schmidt  der Tochter von Frau Müller ins Gesicht und zerriss ihren Rock. Danach warf Frau Müller mit Blumentöpfen nach Herrn Schmidt. Schmidts schossen nun mit einem Luftgewehr rüber, was von Müllers Seite mit einem Kleinkaliberschuss erwidert wurde. Herr Schmidt landete schließlich in einer Grube, die die Müllers gegraben hatten. Daraufhin installierten Schmidts ein Flakgeschütz und bestrichen damit das nachbarschaftliche Haus. Das ließen sich die Müllers nicht bieten. Sie robbten hoch auf den Dachboden, rissen die Tarnung von der Atomkanone, zielten und konnten grade noch sehen, wie es auch auf dem Dachboden des anderen Hauses  aufblitze. Beide Atomgeschosse trafen sich in der Mitte und vernichteten alles. Die Geschichte endet folgendermaßen:

„Natürlich sind wir nun alle tot, die Straße ist hin, und wo unsere Stadt früher stand, breitet sich jetzt ein graubrauner Fleck aus. Aber eins muss man sagen, wir haben das Unsre getan, schließlich kann man sich nicht alles gefallen lassen. Die Nachbarn tanzen einem sonst auf der Nase herum.“

Der heutige Predigttext klingt etwas anders. Hört, wie es im 1. Petrusbrief geschrieben steht:

„Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.“

Jesus, liebe Konfirmanden, kann damals und heute für Menschen ein Vorbild zum Frieden werden – und was ist für ein gelingendes Leben wichtiger als Frieden!  So hat es jedenfalls der Jesusjünger Petrus gesehen.  Jesus hatte nichts Böses getan, erklärt Petrus, stattdessen geschah ihm Unrecht, doch er holte nicht zum Gegenschlag aus: Jesus beleidigte seine Gegner nicht und drohte ihnen auch nicht, sondern ertrug das Unrecht entschlossen.  Dabei vertraute er auf Gottes Gerechtigkeit. Petrus, der Jesus bei einer Gelegenheit mit dem Schwert hatte verteidigen wollen, musste sich von Jesus fragen lassen: „Meinst du, ich könnte nicht meinen Vater bitten, dass er mir gleich mehr als 12 Legionen Engel schickte?“ Jesus holte nicht zum Gegenschlag aus, obwohl er das hätte tun können,  sondern stieg aus dem Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt aus! Nicht, weil er schwach war oder weil ihm nichts Besseres einfiel, sondern ganz bewusst! Noch am Kreuz betete  Jesus bevor er starb: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!

Wer sich in einem Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt befindet, hat den Bereich der goldenen Regel verlassen. Wir wissen, wie sie lautet: „Alles, was euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ In einem Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt ist die goldene Regel vollständig außer Kraft gesetzt, denn in diesem Kreislauf geht es letztlich um nichts anderes als anderen zu schaden oder sie gar zu vernichten.  Jesus zeigt noch in seinem Tod, wie dieser Teufelskreis durchbrochen werden kann, wie es möglich ist, dem scheinbar unaufhebbaren Gesetz der Gewalt zu entkommen.

Wenn Menschen den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt nicht verlassen, kann es u.U. so enden wie in der Geschichte von den Müllers und den Schmidts, nämlich mit der Zerstörung aller. „Ich lasse mir nichts gefallen“, „ich schlag zurück“ „wie du mir, so ich dir“ – solche Aussagen könnte man fast schon als eine schwarze Regel bezeichnen, als eine Regel des Gegenschlages, die Leben nicht fördert, sondern beschädigt. Wenn aber das eigene Leben und das Leben anderer gelingen soll,  ist es gar nicht anders möglich, als aus den Kreisläufen der Zerstörung  auszusteigen – früher oder später, besser doch wohl früher, wenn noch kein oder nur wenig Schaden entstanden ist.   

Mahatma Gandhi in Indien und Martin Luther King in den USA - diese beiden großen Männer der Weltgeschichte und Vorbilder für Widerstand mit friedlichen Mitteln -  sind in ihrer jeweiligen Zeit ebenfalls aus den Teufelskreisen von Gewalt und Gegengewalt ausgestiegen. Dabei haben sie sich auch ganz bewusst auf Jesus als Vorbild des gewaltlosen Widerstandes berufen.

Vor kurzem nahm Navid Kermani in Frankfurt  am Main den Friedenspreis des deutschen Buchhandels entgegen. Bei der Feier hielt er eine eindrückliche Rede, in der er am Ende zum Gebet aufrief. In seiner Rede ging es um den Bürgerkrieg in Syrien und vor allem um den IS und seine abscheulichen Taten. Kermani berichtet  ebenfalls über den katholischen Pater Jacques, der in einer syrischen Kleinstadt eine katholische Gemeinde leitet und dort auch dem Orden von Mar Musa in einem Kloster angehört, das Tag für Tag unzählige Muslime besuchen, um in diesem Kloster mit Christen zu reden, zu singen, zu schweigen und nach ihrem eigenen Ritus zu beten. Der Gründer der Klostergemeinschaft Pater Paolo  war bereits vom IS entführt worden, so dass von ihm jede Spur fehlte. Navid Kermani hatte nun Pater Jacques, den Vertreter von Pater Paolo,  dort im Kloster besucht und mit ihm gesprochen. An dem Tag als Navid Kermani die Nachricht erhielt, dass er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten solle,  an diesem Tag wurde dann auch Pater Jacques aus dem Kloster entführt. Doch nicht nur Pater Jaqcues allein, sondern viele weitere Christen, die sich im Kloster befanden, wurden ebenfalls mitgenommen. Pater Jacques selbst konnte einige Zeit später fliehen  und dem IS entkommen, weil viele Muslime ihm heimlich geholfen hatten. Er kehrte zurück in sein Kloster, um seine Friedensmission fortzusetzen.  Auf youtube kann man eine Pressekonferenz sehen, auf der sich Pater Jaqcues im Januar mit eindrücklichen Worten für den Frieden in den Spuren Jesu eingesetzt hat.  Navid Kermani ruft am Ende seiner Rede in Frankfurt vor dem hohen Festpublikum zum Gebet für die anderen Verschleppten des IS auf. Auch der Gründer der Gemeinschaft, Pater Paolo bleibt verschwunden.

Aussteigen aus dem Kreislauf der Gewalt. Als Kind und Jugendlicher habe ich im Fernsehn gerne Dick und Doof angesehen. Da kam es vor, dass Dick und Doof sich gegenseitig mit  Ohrfeigenserien bedachten: Einer schlug den anderen, immer wieder, immer wieder… Darüber konnte ich damals lachen. Wenn Schüler sich gegenseitig mobben, schlagen, berauben oder andere verächtlich machen – darüber fällt es schwer zu lachen. Aussteigen!

Zum Aussteigen gehört auch das Ertragen-können! In unserer Gesellschaft wird Menschen das Prinzip von Schlag und Gegenschlag sehr bald beigebracht. „Schlag zurück“ ist eine Devise, die Kinder, Jugendliche und schließlich auch Erwachsene im Beruf anwenden. Ob das Leben damit gelingt?

Es ist möglich, aus solchen Kreisläufen auszusteigen. Eine Option ist das Ertragen-können! Zu einem Leben, das gelingt, gehört nicht nur eine gute Ausbildung, nicht nur psychische Stabilität und vieles weitere, sondern eben auch der Wille und die Kraft, aus schlimmen Kreisläufen aussteigen zu können – und manches sogar zu ertragen. Etwas Ertragen-können kann viel wichtiger sein als man gemeinhin meint! Wer wenig ertragen kann, sollte lernen, zu ertragen,  zumindest versuchen, es zu lernen.

Beim SC Freiburg muss Nils Petersen ertragen, auch auf der Bank zu sitzen, ebenso wie Karim Guede und andere!  Bei GNT müssen die Modells manchmal ganz schön harte Situationen ertragen – wie ich festgestellt habe, wenn ich das mal mit unserer Tochter mitsehe. Wer wenig ertragen kann, kann ertragen lernen.

Die farbenfrohe Darstellung auf der Vorderseite des heute ausgeteilten Liedblattes, erzählt  viel von einem gelingenden Leben: Die herausstechende Weintraube, die Sonne, der Fisch, der angedeutete Plante Erde, die vielen bunten Farben – all das spricht von einem Leben, das Gott gelingen lassen kann und will.
Und nicht zu vergessen in dieser Darstellung – das Kreuz! Der am Kreuze starb, scheiterte nur scheinbar – Gott segnete seine Bereitschaft den Tod zu ertragen und rief ihn neu ins Leben.

Wer bereit ist, etwas zu ertragen, tut das denn auch, weil er – wie Jesus - von  einer Überzeugung bewegt wird, weil eine wichtige Überzeugung das Ertragen möglich macht.  Eure Konfisprüche liebe Konfirmanden, die ihr euch selbst ausgewählt habt, machen deutlich, dass ihr  für viele gute Überzeugungen einsteht. Wir werden eure Konfisprüche in Kürze hören. Haltet eure Überzeugungen fest, die sich in euren Konfi-sprüchen zeigen, seid bereit, für eure Überzeugungen grade zu stehen – und wenn es sein muss, dafür auch etwas zu ertragen. Dazu schenke Gott euch Kraft. Meine guten Segenswünsche gehen mit euch. Amen.



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