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1.    Johannes 4,16b-21


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

können Sie sich vorstellen, wie hoch 8848 m in den Himmel hineinragen? Ich habe es in Gedanken versucht mit mäßigem Erfolg.  Das Matterhorn mit seinen 4478 m Höhe konnte ich schon einmal aus der Ferne betrachten,  aber ein Bergriese, der zweimal so hoch in den Himmel hineinragt? 8848 m, diese Höhe wird angegeben für den Mount Everst des Himmalajagebirges. Der Berg überragt alle übrigen seiner Umgebung, dabei gibt es im Himmalajagebirge noch einige andere über 8000 meter! 8848 m, der Mount Everst überragt alle.

Der Autor des 1. Johannesbriefes legt seinen Lesern in seinem Brief ein Wort ans Herz, das, so möchte ich sagen, alle übrigen Aussagen weit überragt, unendlich weit!  Es  ist ein Haupttext, zu dem alles weitere eine Fußnote wird.

Hier ist er, der höchste aller Berge aus dem 1. Johannesbrief 4,16b: „Gott ist die  Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“  Und Johannes schreibt weiter, allerdings fast wie eine  Fußnote zu diesem Spitzensatz: „Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt.
Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.
Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.
Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht.
Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.“

Höher als der Gipfel des Mount Everst geht es nicht, höher als dieser Spitzensatz ist es nicht möglich,  wenigstens nicht, wenn es um die größten und tiefsten Fragen des Lebens geht: Wer, wie oder was ist Gott? Und: Wie kann der Mensch mit Gott verbunden sein?

Es sind die tiefsten und größten Fragen, auf die Johannes zu sprechen kommt. Es sind Fragen, die Menschen zu allen Zeiten und Orten gestellt haben,  Fragen, an denen Religionen entstanden und niedergegangen sind,  Fragen, die Theologen und Philosophen bewegen. Johannes fasst  in seiner  Antwort zusammen, was er zu sagen hat, kurz, kürzer, am kürzesten. Wer ist Gott? Liebe! Wie kann der Mensch mit Gott verbunden sein? Indem er liebt!

Mich begeistert schon die Struktur der Sprache, die sich zeigt. Zum besseren Verständnis verdeutliche ich dies Struktur mit Hilfe der Buchstaben AB und C. Gott = Liebe, das ist wie A = B; wenn C für den Menschen steht, dann geht es so weiter:  C/Mensch mit B/Liebe, also Mensch und Liebe, das ist C/Mensch A/Gott, Mensch und Gott.
Noch einmal: A=B, CB = CA. Auf CA, also auf der Verbindung von Mensch und Gott liegt der eigentliche Schwerpunkt! Das Ganze noch einmal ohne AB und C: Gott ist die Liebe, der Mensch, der in der Liebe lebt, ist mit Gott verbunden! Das Verbundensein mit Gott wird zweifach ausgedrückt und damit besonders betont: der Mensch ist  in Gott und Gott ist im Menschen (der bleibt in Gott und Gott in ihm).  Gott ist die Liebe, der Mensch, der in der Liebe lebt, ist mit Gott unauflöslich verbunden!

Der Kernsatz  steht am Beginn des Abschnittes, schnörkellos:  Gott ist die Liebe! Johannes wiederholt und unterstreicht damit einen Spitzensatz,  den er bereits in Vers 8 ausgesprochen hatte:   Gott ist die Liebe! Betonter, weil zweimal - und klarer, weil eindeutiger nicht möglich,  geht es nicht, schon gar nicht in menschlicher Sprache über Gott! Alle, die vor konkreten Gottesvorstellungen warnen, werden hier eines besseren belehrt:  Gott = Liebe! Eine Identitätsaussage. Johannes schwingt sich mit ihr zu unüberbietbarer Klarheit und unüberbietbarer Totalität auf! Gott ist Liebe, ganz Liebe, nur Liebe, immer Liebe, alles Liebe!

Vorher erläutert Johannes, dass er diese eindeutige und totale Liebe Gottes in Jesu Wirken und Kreuzestod verwirklicht sieht (Vers 9). Allerdings: Wer sich wie Johannes zu solcher Höhe aufschwingt, indem er derart allgemeingültig formuliert,  wird wissen, dass alle, die mit ihm auf diesen hohen Berg steigen, die Welt so betrachten und erkennen, wie sie es können. Hier oben, auf der Spitze des Mount Everst lassen sich die Gedanken der Betrachtenden durch keinen Grenzzaun einfangen.

Wenn Gott Liebe ist, nur und immer Liebe, dann – so sagen manche - würde Gott doch nicht ernst genommen! Kindern könne man das erzählen, aber wenn ernsthaft darüber zu sprechen ist, reicht die Rede vom lieben Gott nicht. Gibt es denn nicht auch den zornigen Gott, den Gott, der straft und Menschen wenn nötig für immer und ewig in die Hölle verdammt?  Gibt es nicht auch jene Seite Gottes, der letztlich unbegreiflich ist  und sich eben nicht in seiner liebevollen und hellen Seite erschöpft? Eine dunkle Seite Gottes,  wie es die abendländische Theologie durch die Jahrhunderte und auch Martin Luther selbst gelehrt haben?  Martin Luther sprach in diesem Zusammenhang  bekanntlich von dem verborgenen Gott, der  über alles menschliche Wissen und Verstehen hinaus auch mit der Hölle straft und in die ewige Verdammnis stößt. Luther folgte damit übrigens dem Kirchenvater Augustin, und stimmte darin auch mit Johannes Calvin überein.

Luther und viele andere betonten deshalb  immer wieder, dass wir Menschen Gott nicht vollständig verstehen können, dass Gott uns ein Stück weit unbegreiflich bleibt. Der Apostel Paulus formuliert deshalb in Römer 11,33  - ich meine zu Recht: „O welche Tiefe des Reichtums, beides der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“ Besser kann man es kaum sagen, dass Menschen Gott nicht ganz verstehen und begreifen. Und doch stellt sich eben  die Frage, was und worin wir Menschen Gott nicht verstehen. Sollte etwa die Liebe, die Johannes Gott so betont und eindeutig zuschreibt  nicht das Ganze und Eigentliche im Wesen Gottes sein? Sollten stattdessen auch der Zorn und die ewige Abweisung von Menschen im Herzen Gottes eine Möglichkeit besitzen?  Und sollte selbst alles Böse, das auf Erden ist, von der Allmacht und der Allbestimmung Gottes umgriffen sein? Wenn das so wäre – frage ich -  wie könnten wir Menschen dann Gott vertrauen? Wie könnten wir ihn denn so ohne Furcht und Angst  lieben, wie es Johannes so unmissverständlich beschreibt? Wenn wir nicht glauben und darauf vertrauen könnten, dass Gott in seinem tiefsten Wesen, nicht anders und nichts anderes  ist, als seine Liebe, die er in Jesus gezeigt hat, wie könnten wir ihn dann furchtlos wiederlieben?
Entweder gilt es, dass Gott die Liebe ist, entweder ist dieser Satz ernst gemeint, so ernst wie nichts anderes - oder es ist nicht so, dann bliebe Gott letztlich doch ein unbekanntes, ein dunkles Wesen, vor dem man sich fürchten müsste. (Luther hat im übrigen davor gewarnt, über den verborgenen Gott, der in die Hölle verdammt, nachzudenken!)

Ich kann nicht erkennen, wie die Lehre von der Hölle mit der Liebe Gottes in Einklang gebracht werden kann – obwohl es viele Versuche gibt, eine Übereinstimmung herzustellen.  Was aber sollte das für ein Gott sein, der seine Geschöpfe, aus welchen Gründen auch immer, ewig grausamste Folterqualen erleiden lässt,  die schlimmer wären als alles, was Menschen je einander angetan haben. Ich glaube nicht an die Hölle in Gott,  sondern an die Liebe in Gott. Ich gebe zu, dass auch dann Fragen offen bleiben,  die ich nicht beantworten kann, dass Gott immer noch unbegreiflich bleibt. Etwa Fragen wie: Wo bleibt dann die ausgleichende Gerechtigkeit im Jüngsten Gericht? Und: Wird der Glaube nicht, wenn Gott ausschließlich Liebe zugeschrieben wird, eine unernste Sache? Aber, aber: Sollten wir Menschen Gott etwa aus Furcht und Angst ernstnehmen? Früher haben sich viele Menschen aus Angst vor der Hölle in die Gottesdienste geflüchtet! Ist das unser Gott, der Menschen mit der Höllenpeitsche rettet?

Nein, das kann nicht sein! Da gibt es doch, Gott sei Dank, diesen Spitzensatz, den Mount Everst, der Gott zwar ebenso ein Geheimnis sein lässt, doch ein klares und gutes Geheimnis: Gott ist die Liebe und die Liebe ist Gott! Ein Mensch, der in der Liebe lebt, iist mit Gott verbunden, Gott bleibt in ihm und er in Gott.

Mit dieser Schwerpunktsetzung schließe ich mich dem Theologen Karl Barth an, der in Basel gelehrt hat. Auch Barth sah das Geheimnis Gottes nicht darin, dass  Gott über  die Hölle verfügt und damit letztlich auch über auch das Böse, sondern Gottes Liebe gilt ganz und gar, ohne wenn und aber und ein für allemal und immer!

Der Autor des 1. Johannesbriefes hat sich mit seiner Spitzenaussage weit hinausgelehnt.  Nun steht er da dieser Berg, dieses eindeutige Bekenntnis über Gott und den Menschen und wie sie verbunden sind, ein Bekenntnis, dass durch nichts und niemand zurückgenommen werden kann, weder durch Paulus, noch durch Augustin, noch durch Luther, noch durch Calvin,

dass Gott die Liebe ist und dass ein Mensch, der in der Liebe lebt, mit Gott verbunden bleibt.

Viele Menschen ahnen die Sprengkraft dieses Bekenntnisses. Sie greifen danach und wählen es als Motto für die Taufe, die Konfirmation, die Trauung oder die Todesanzeige. Denn die Liebe, durch die wir Menschen mit Gott verbunden sind, trägt durch alle Höhen und Tiefen des Lebens, sie geht mit uns in schönen wie in schweren Stunden, sie trägt uns auch über den Tod hinaus in das ewige Leben der Liebe Gottes. Diesem Gott können wir trauen, ohne Wenn und Aber, ohne Unsicherheit und Furcht: Denn Furcht ist nicht in der Liebe. Amen.



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