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Epheser 2,18-22

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

In ökumenischen Andachten und Gottesdiensten gibt es einen Augenblick, in dem ich gelegentlich jedenfalls hellhörig werde. Dann denke ich: Hoffentlich geht alles gut! Es ist der Augenblick, in welchem die Gottesdienstgemeinde das altehrwürdige Glaubensbekenntnis spricht und an Satz gelangt: Ich glaube an „die heilige christliche Kirche“. Sie ahnen vermutlich, worauf ich hinaus will. Die Evangelische Seite wird diesen Satz sprechen, wie ich es soeben getan habe, obwohl die genaue Übersetzung lautet: Ich glaube an die heilige Kirche, die weltweite. Die Katholische Seite wird vermutlich etwas anderes sprechen, nämlich: Ich glaube an die heilige katholische Kirche. Der Begriff katholisch, der sich im ursprünglichen Text findet, hat die Bedeutung „weltweit oder weltumspannend“. Die römisch katholische Seite wird das Wort katholisch gerne beibehalten, um damit zu signalisieren,  dass die römisch-katholische Kirche die eine weltweite Kirche ist!  

Eine kleine Irritation, liebe Gemeinde, ein Anzeichen für eine große Frage! Was, wo und wie ist die christliche Kirche? Um diese Frage können wir uns nicht drücken, schon weil das Jubiläum der Reformation im kommenden Jahr vor der Türe steht. Doch die Frage nach der Kirche geht weit über die beiden großen Konfessionen hinaus, gibt es doch unzählige weitere christliche Konfessionen, die um den richtigen Weg, wie etwa die Orthodoxe Kirche in Griechenland und in Russland, die Anglikanische in England und die vielen, vielen verschiedenen protestantischen Freikirchen weltweit, weltumspannend! Was, wo und wie ist die christliche Kirche?

Der angegebene Predigttext aus dem Epheserbrief 2,18-22 gibt dazu Hinweise. Da heißt es:

„Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater. So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,
erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinander gefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.
Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.“

Auf die Frage nach der Kirche findet der Epheserbrief eine klare, wenn auch sehr differenzierte Antwort: „Er betrachtet die Kirche als eine Gemeinschaft der Versöhnten, die an der Tempelbaustelle Gottes auf dem Fundament der Apostel und Propheten aufgebaut wird, so dass ein heiliger Tempel entsteht, in dem Jesus Christus der Eckstein ist und der Heilige Geist das innere Leben.“ Die Kirche also eine Gemeinschaft der Versöhnten auf der Baustelle Gottes, an der Gott sein geistliches Haus baut.

Die Gemeinschaft der Versöhnten bildet die äußere, sichtbare Seite, während das geistliche Haus nur dem Glauben erkennbar ist.
Die Gemeinschaft der Versöhnten muss sich folglich im Glauben als Baustelle Gottes begreifen, der mit ihr mitten in dieser Welt sein Reich baut.

Als eine Gemeinschaft der Versöhnten betrachtet der Epheser die Kirche, weil beide Hauptgruppen in der Kirche, ehemalige Juden und ehemalige Heiden sich früher unversöhnt gegenüberstanden. Unbeschnittene wurden die Heiden von den Juden genannt, so wird berichtet und ausgeschlossen waren sie, als Gottlose angesehen,  deren Lebensstil schon deshalb dem unmoralischen Bereich zugeordnet wurde. Die Heiden ihrerseits betrachteten ihre jüdischen Mitmenschen als eine kleine elitäre Gruppe religiöser Fanatiker. Der Epheser macht beiden Gruppen klar, vor allem aber den ehemaligen Heiden, die in Ephesus in der Mehrheit waren:  Es gilt, den jeweils anderen nun nicht mehr als bedrohenden Fremden anzusehen, sondern es ist ein neues gemeinsames Selbstverständnis zu entwickeln. Eine gewaltige Herausforderung! Im Glauben an Jesus das Eigenende zu erkennen, das Verbindende, und damit die früheren Juden, bzw. früheren Heiden der eigenen Identität zuzurechnen und trotzdem zugleich vieles Frühere, das zur eigenen Kultur gehörte, nicht aufzugeben, sondern beizubehalten – denn der Glaube an Jesus hob die eigene Kultur, die eigenen Sitten und Gebräuche ja nicht einfach  auf. Ehemalige Juden hielten sich weiter an ihre Essensvorschriften, ehemalige Heiden standen ihrem alten Lebensstil nahe, manchmal sogar so nahe, dass sie an anderer Stelle erinnert werden müssen,  nicht einfach gedankenlos an allem alten festzuhalten.  „Wir gehören zusammen. Uns verbindet mehr als uns trennt!“  Diese Devise drückt die Herausforderung  aus, die der jungen christlichen Kirche in die Wiege gelegt war. Das theologische Verstehen und Begreifen, die ganz großen Begriffe wie Fundament, Eckstein, Tempel, Geist: Sie sollten der neuen Kirche helfen, sich als eine einzige Gemeinschaft der Versöhnten zu begreifen und in dieser neuen Identität stark zu werden. Der Friede zwischen den früheren Gegenspielern war das große Geschenk an die Kirche und an die ganze Welt. Frieden halten galt deshalb als eine vornehme Aufgabe: Ertrage einer den anderen in Liebe, bewahrt die Einheit im Geist, so heißt es wenig später. Der jungen Kirche wird das nahegebracht, indem sie eben noch nicht als ein Tempel verstanden wird, der fix und fertig dasteht,  sondern als eine Baustelle, an der Menschen „ineinandergefügt werden“ wie es heißt; ineinandergefügt – so wie Handwerker damals sehr unterschiedliche Mosaiksteine zu einem einzigen beeindruckenden Mosaikbild zusammenstellten. Ausgrabungen bringen des öfteren solche kunstvoll gestalteten  Mosaikfußböden ans Tageslicht.

Auch Katholisch und Evangelisch sind als Mosaiksteine zu betrachten. Zwei Konfessionen, deren Identität aufgrund von Geschichte und Entwicklung auch von gegenseitiger Abgrenzung lebt. Die andere Konfession hat immer noch etwas Fremdes! Fremd im Sinne von dem, was nicht zu uns gehört, obwohl und gerade weil wir es gut kennen! Die Evangelische Seite distanziert sich vom Amt des Papstes als unfehlbaren Oberhirten aller Christen, die Katholische Seite verzweifelt manchmal am konfessionellen Durcheinander und Pluralismus in der Struktur und Lehre auf Protestantischer Seite. Zur Einheit der Kirche ist gewiss keine Einheitlichkeit nötig, wohl aber das Bewusstsein der Einheit und klare Zeichen der Einheit, zumal die verschiedenen Konfessionen vielen Menschen nicht mehr so wichtig sind.  Abgrenzung muss nicht notwendigerweise schlecht sein, wenn sie getragen wird von einem Bewusstsein der Einheit. Katholisch und Evangelisch sind schließlich durch viel Gemeinsames verbunden: der dreieinige Gott, die Bibel, Glaubensbekenntnisse, Gottesdienst, Gebet, Menschenwürde und Religionsfreiheit, Glaube, der diakonisch und caritativ wirkt, die Sehnsucht nach der Einheit der Kirche. Viel ist beiden gemeinsam gegeben. Wer es wagt, mit dem anderen zu sprechen, für ihn offen zu sein und sich selbst nicht als fix und fertig zu betrachten, sondern als lern- und veränderungsfähig, kann voneinander lernen und sich und die Kirche weiterentwickeln. Die Kirche ist eine Baustelle, auf der das Bauen nicht aufhören darf, sondern weitergehen muss und Neues hervorbringen. Das wird am besten dann gelingen, wenn sich alle Seiten zwar an ihrem eigenen Standort zu Hause fühlen und dennoch zugleich offen sind für den jeweils anderen und sei es, dass er manchmal fremd erscheint. Vielleicht ist er uns aber auch näher, als wir manchmal meinen. Wir gehören zusammen, diese Überzeugung kann unsere Gedanken und unser Tun leiten.

Ganz anders als es bei einer Schnecke ist. Sie kennen diese Schnecken, die überall herumkriechen, wenn es geregnet hat  und ganz besonders unsere Gärten interessant finden. Sie sind langsam unterwegs, mit ihrem eigenen Häuschen, sie erkunden die Welt, indem sie ihre Fühler ausstrecken und sich vorsichtig vorwärts schieben. Wenn ihre Fühler dann das Gras berühren, das die  Schnecken kennen, schieben sich einfach drüber. Ganz anders wenn ein anderes Lebewesen einen der Fühler berührt. Dann zieht sich die Schnecke sofort zurück, je nach Stärke und Dauer der Berührung sogar ganz in ihr Schneckenhaus. Dann sieht sie keine Gemeinsamkeiten. Das Fremde macht ihr Angst. Sie fürchtet es. Sie zieht sich zurück in ihr Haus, das sie schützt.

In der Kirche Jesu sind Menschen zusammen, die früher einander fremd waren, die vielleicht sogar voreinander zurückschreckten oder einander als Gefahr betrachteten und sich deshalb in ihre Schneckenhäuser zurückzogen. Doch nun in der Kirche ist eine  Gemeinschaft der Versöhnten entstanden, die für die ganze Welt ein Zeichen sein kann für die Gleichheit und Einheit der Menschen, der Juden und aller Heidenvölker, eine versöhnte Einheit unter Gott: Die Kirche!

Vielleicht wäre es deshalb eine gute Übung, wenn wir Evangelische beim Sprechen des Glaubensbekenntnisses an der betreffenden Stelle auch durchaus einmal das Wort „katholisch“ in den Mund nehmen und unsere katholischen Glaubensgeschwister könnten, wenn sie denn mögen, es auch einmal mit dem Wort „christlich“ versuchen. Denn uns alle verbindet mehr als uns trennt. Amen.



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