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Jeremia 23,5-8, 1. Advent, Ök Gottesdienst in St Michael

„Gnade seit mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.“

Edvard Munch, ein bekannter norwegischer Maler berichtet folgendes: „Ich ging mit zwei Freunden die Straße hinab. Die Sonne ging unter – der Himmel wurde blutrot, und ich empfand einen Hauch von Wehmut. Ich stand still, todmüde – über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt lagen Blut und Feuerzungen. Meine Freunde gingen weiter – ich blieb zurück – zitternd vor Angst – ich fühlte den großen Schrei in der Natur … Ich malte dieses Bild – malte die Wolken wie wirkliches Blut – die Farben schrien.“[

„Der Schrei“ so ist das berühmteste Gemälde tituliert, das nach dieser Erfahrung des Edvard Munch entstand. Munch hat vier verschiedene Varianten dieses Gemäldes erstellt. Eine von diesen rufe ich Ihnen kurz in Erinnerung. TLP. Was der Betrachter sieht, berührt  unmittelbar die tiefsten Gründe des Menschseins  weit hinaus über alle Formen sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten: Der Schrei! Hört die Person auf dem Gemälde einen Schrei von außen und hält sich Ohren zu – oder schreit diese Person selber – oder beides? „Der Schrei“ führt unmittelbar in Erfahrungen des Entsetzens und Grauens.
Wie bei Edvard Munch, so schreit zu seiner Zeit, nach 600 vor Chr. der Prophet Jeremia in Israel. Die Worte, die wir heute hören, führen allerdings nicht direkt in die Mitte dieses Schreies, sondern – wollte man sie mit dem Munchschen Gemälde vergleichen – dann befinden sie sich wohl eher am Rande des Gemäldes, zB oben am Himmel. Von dem Gemälde des Jeremia, das seinen Schrei ausdrückt, erhalten wir also nur einen Ausschnitt, der seinen Schrei ahnen lässt. Hören Sie seine Worte aus dem 23. Kapitel 5-8:

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Sproß erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und  Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«.  Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, daß man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.“

Diese Worte des Jeremia, liebe Gemeinde, die seine Erfahrungen und Erwartungen durchaus in einem hellen Licht erscheinen lassen, sind allerdings eingebettet in die Dunkelheit eines gewaltigen Aufschreies!

Vierzig lange Jahre predigt und redet Jeremia und zwar mit  nur einer Botschaft, die er kurz vor unserem heutigen Text mit folgenden Worten zusammengefasst (Kapt 20,8): „So oft ich rede, muss ich schreien: Frevel und Gewalt, muss ich rufen.“ Wohin Jeremia auch blickt, überall hat sich Unrecht  breit gemacht: beim kleinen Mann, beim großen Mann und auch in der Regierung, beim König! Es wird gelogen, betrogen, getäuscht und Gewalt geübt – immer und überall. Ja, Jeremia selber wird mit seinen Mahnungen und Aufrufen zur Umkehr zum Spielball der Spötter und der Gewalttätigen. König Zedekia, dessen hebräischer Name „Gott ist meine Gerechtigkeit“ bedeutet, lässt den Propheten Jeremia sogar einmal in eine Zisterne werfen, wo er fast verhungert wäre. „Wenn das Unrecht überhand nimmt….“ so könnte man die Situation im damaligen Teilstaat Juda beschreiben.

Eines Tages soll Jeremia auf Gottes Geheiß mit einem Tonkrug predigen. Während seiner Predigt wird ihm klar, wozu er den Tonkrug bei sich trägt. Er hört Gott sagen:  „Zerbrich ihn vor den Augen der Leute, sie sollen sehen, was ich mit ihnen tue, wenn sie ihr Leben nicht ändern“. Jeremia zerbricht den Krug und predigt entsprechend. Doch es ist ihm nicht gut bekommen, wie wir uns bildhaft vorstellen können. Er wird verprügelt und erlebt eine tiefe Krise als Prophet Gottes. Er verzweifelt und beschimpft Gott:  Verführt hast du mich, beschwatzt, verlockt, überwältigt, das hast du. Ich will nicht mehr. Ich – will – nicht – mehr – predigen! Ich will hinschmeißen –ruft er.  Aber Jeremia merkt zugleich:
Ich kann doch nicht anders. Ich muss einfach weitermachen.  Ich würde innerlich verbrennen, wenn ich nichts mehr sagte, wenn ich meinen Mund hielte, wenn ich die Menschen nicht warnte, wenn ich nicht schreien würde. Der Schrei des Jeremia ist ein Schrei nach Gerechtigkeit! Es ist fast als hätte jahrhunderte später sogar noch Jesus den Schrei des Jeremia gehört, als er von der Sehnsucht nach Gerechtigkeit sprach: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“

Es soll und muss gerecht zugehen in dieser Welt, im großen und im kleinen. Wir alle wissen, wie schwierig, wie vertrackt, ja wie unmöglich es eigentlich ist, das Gerechtigkeit überall einzieht. Aus vielen Gründen. Wenn einmal eine Ungerechtigkeit beseitigt wird, tut sich garantiert an anderer Stelle die nächste auf. Was der eine als Unrecht betrachtet, erscheint in den Augen des anderen durchaus gerecht. Was mir selbst widerfährt, empfinde ich sehr schnell als Unrecht, selbst wenn es eigentlich keines ist. Wenn andere Unrecht leiden, dann kann es lange dauern bis mein Gewissen anschlägt. Und auch das ganz große Unrecht schreit in unserer Welt zum Himmel, wie damals, als das Blut des Brudermordes, des von Kain getöten Abel gen Himmel schrie: „Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde“ so heißt es da. Wenn unschuldige Menschen zu tausenden abgeschlachtet werden, schreit ihr Blut gen Himmel. Wenn Menschen elendig verhungern und sich niemand um sie schert, schreit ihr Blut zum Himmel. Wenn Gottes Schöpfung zerschlagen, zermartert und zerstört wird, schreit sie in Agonie zum Himmel. Man kann an der Ungerechtigkeit in unserer Welt verzweifeln. Man kann innerlich an ein Ende kommen und laut aufschreien. Man kann schreien, wie die Person auf dem Gemälde des Edvard Munch, man kann innerlich zusammenbrechen vor Verzweiflung: Wo ist die Gerechtigkeit?

Man kann aber auch etwas unternehmen: zu Gott schreien im Gebet, sich an einer Stelle besonders für Gerechtigkeit einsetzen, ein Gemälde malen, wie Pablo Picasso es einst getan hat, als er Guernica malte, ein Gemälde, das aufrüttelt, oder ein Gemälde wie Edvard Munch es geschaffen hat: Es steht für den Aufschrei der Ungerechtigkeit und den Schrei nach Gerechtigkeit, in dem sich viele Menschen wiederfinden. Man kann Bücher schreiben wie Ernesto Cardenal, man kann seine Stimme erheben wie Papst Franziskus oder wie die obersten Bischöfe der Kirchen in unserm Land. Man kann mitanpacken, ganz praktisch, Plätzchen backen oder stricken oder kleine Kunstwerke herstellen, um mit einem kleinen Steinchen den Damm gegen die Ungerechtigkeit zu verstärken. Man kann auch schreien, verbal aufschreien, wie Jeremia es getan hat. Schreihälse sind nicht immer beliebt, aber manchmal wecken sie andere auf.

Der Schrei des Jeremia nach Gerechtigkeit, liebe Gemeinde, ist erstaunlicherweise kein Schrei nach strafender Gerechtigkeit, zumindest nicht in diesem Text. Hier heißt es nicht: Möge Gott dich oder euch strafen! Oder: Möge er sein Feuer auf die Ungerechten herabsenden und sie jämmerlich vernichten. Stattdessen schreit Jeremia „Der Herr unsere Gerechtigkeit“ und es wird ein gerechter König kommen, der wohl regieren und überall Recht und Gerechtigkeit üben wird.“
Jeremia tritt eben nicht als religiöser Fanatiker auf, der Unrechtstätern die Pest am Hals wünscht, stattdessen hat er eine helfende, zurechtbringende Gerechtigkeit im Auge. Er hält daran fest, dass Gott einmal doch noch alles zurechtbringen kann.
Eine unausrottbare Hoffnung. Eine Sehnsucht, die glaubt, dass doch noch nicht alles verloren ist. Diese Bereitschaft, weiter zu reden, Tonkrüge zu zerbrechen und die Folgen seines Einsatzes auch ganz persönlich zu tragen. Dieser Glaube, dass Gott doch alles, ja wirklich alles, in seinen Händen hält: den Fortgang der Geschichte im großen und den Fortgang der Geschichte im kleinen, auch in meinem Leben und im Leben der anderen, die ebenso im Herzen Gottes sind. Der Schrei nach Gerechtigkeit ist ein Schrei, der darauf vertraut, dass Gottes Vollkommenheit sich am Ende trotz allem durchsetzen wird, auch wenn das jetzt, hier und heute, anders, noch ganz anders aussieht. Auch wenn ich grade jetzt nichts davon spüre.

Die ersten Christen haben Jesus Christus als die Antwort auf den Schrei des Jeremia verstanden, denn Jesus heilte und brachte zurecht, er berührte mit Sanftmut, in seinen Worten öffnete sich der Himmel. „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit“ rief Jesus. Er wusste: Nur Gott kann letztlich vollkommene Gerechtigkeit herbeiführen. Martin Luther hat das damals in seiner Erkenntnis über Gerechtigkeit erfasst – heute sind unsere beiden Kirchen darin nicht mehr auseinander. 1999 in der Augsburger Erklärung finden sie zusammen. Nur Gott wirkt an uns Menschen vollkommene Gerechtigkeit, wir aber tragen sie in unseren Herzen und schreien und wirken und arbeiten für sie in dieser Welt Schritt für Schritt.

Denn jeder und jede von uns ist wie ein Licht, wie Jesus einst verkündete: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.
So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ Amen.



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