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Lukas 2, Heilig Abend 2016
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
„Fürchtet euch nicht, denn euch ist heute der Heiland geboren“! Stellen Sie sich vor, ich setze mich an unseren Küchentisch, während meine Frau die Weihnachtsente im Ofen brutzeln lässt und einige andere Vorbereitungen trifft;  ich schlage die Zeitung auf und bin sprachlos über das, was ich lese. „Hör mal“ rufe ich meiner Frau zu, „die Schlagzeile auf der ersten Seite unserer Zeitung: Fürchtet euch nicht, denn euch ist heute der Heiland geboren!“ „Was?“ höre ich von meiner Frau? „Du machst Witze!“ „Doch“ schau selbst: „Fürchten sollte sich niemand“ heißt es hier, „denn der Heiland ist geboren!“  
Der deutsche Verleger und Publizist Henri Nannen hat einen solchen Zuruf, mit dem eine Frau ihren Mann oder umgekehrt über die neuste Schlagzeile informiert, „Küchenzuruf“ genannt. Henri Nannen war der Meinung, dass jede gute Titelschlagzeile zu Hause bei den Menschen einen Küchenzuruf hervorrufen müsse. Wenn eine Titelschlagzeile keinen Küchenzuruf erwarten lasse, sei sie unbrauchbar.  Nach Prof. Christoph Fasel, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Verbraucherjournalismus,  ist der Küchenzuruf  „die zentrale Aussage des Textes in maximal zwei bis drei kurzen Sätzen“:  
„Euch ist der Heiland geboren, darum fürchtet euch nicht!“  
Silja Walter, verstorbene Nonne aus dem Kloster Fahr bei Zürich greift auf die Bibel zurück und bedenkt auf ihre Weise das „Fürchtet euch nicht!“
„Fürchtet euch nicht!“
Jemand hat nachgezählt:
366-mal sagst du uns das
in der Bibel,
Herr,
für jeden Tag im Jahr einmal
und für den Schalttag noch einmal
extra dazu.
Jeden Tag beim Erwachen,
kann ich also
noch mit geschlossenen Augen
fragen:
„Was sagst du mir heute?“
Ich weiß schon von vornherein was:
„Fürchte dich nicht“,
sagst du, und das gilt
für den Tag und die Nacht,
bis anderntags früh. ....
„Fürchte dich nicht.“
Um uns das zu sagen,
ließ Gott Weihnachten geschehen.
Denn Weihnachten heißt:
“Fürchte dich nicht,
ich bin bei dir.“
„Fürchte dich nicht!“ Der Küchenzuruf des Himmels, liebe Gemeinde, zaubert ein Lächeln in unsere Gesichter, denn  „ich verkündige euch große Freude!“ Da dürfen wir auch mal lächeln und uns so recht von Herzen freuen, sogar über den Pfarrer lachen, der seine Heilig-Abend-Predigt mit einem alten Rollenklischee begonnen hat. Wann, liebe Gemeinde, wenn nicht an Heilig-Abend und an Weihnachten, sollte und darf und kann man so recht von Herzen lachen und sich freuen? Über Gott und die Welt: „Siehe, ich verkündige euch große Freude!“ „Der Heiland ist geboren, ihr müsst euch nicht mehr fürchten!“
Dabei ist es doch zum Fürchten in dieser unserer Welt – oder finden Sie nicht? Fürchten Sie sich gar nicht? Dann sind Sie, meine ich, ein Glückspilz, von dem ich etwas lernen kann! Diejenigen, die das gegenwärtige Zeitgefühl der Deutschen messen, stellen jedenfalls fest, dass Angst und Furcht zur Zeit deutlich angestiegen sind. Zitat:  
„Alarmierende Nachrichten über Terroranschläge und gewaltbereite Extremisten, harte Auseinandersetzungen über die Flüchtlingskrise und die Einwanderungspolitik: Die aktuellen politischen Themen treiben die Sorgen der Deutschen auf Spitzenwerte - so das Ergebnis der repräsentativen R+V-Studie "Die Ängste der Deutschen 2016". "Nie zuvor im Laufe unserer Umfragen sind die Ängste innerhalb eines Jahres so drastisch in die Höhe geschnellt wie 2016", so Brigitte Römstedt,  bei der Pressekonferenz in Berlin.“
Der Soziologe Prof. Heinz Bude hat vor kurzem ein Buch unter dem Titel: Gesellschaft der Angst veröffentlicht. „Angst“ so heißt es „ist ein Ausdruck für eine Gesellschaft mit schwankendem Boden… Man ist von dem Empfinden beherrscht, in eine Welt geworfen zu sein, die einem nicht mehr gehört“. Diese Worte finden sich im Umschlagtext des Buches. Und in diesem Buch schreibt Heinz Budde u.a. folgendes: „Freie Menschen sollten keine Angst vor der Angst haben, weil das ihre Selbstbestimmung kosten kann. Wer von Angst getrieben ist, vermeidet das Unangenehme, verleugnet das Wirkliche und verpasst das Mögliche. Angst macht die Menschen abhängig von Verführern, Betreuern und Spielern.“ (S. 15)  Auch ich selber spüre die unangenehme Nähe der Angst immer wieder einmal:  Ich hätte doch niemals gedacht, dass ich nach dem Ende des kalten Krieges noch einmal so richtig Angst um unsere Welt haben müsste. „In der Welt habt ihr Angst“. Dieses Wort Jesu hören viele Menschen von mir immer wieder an den Gräbern. „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“
In der Welt, in der Jesus geboren wurde, ging es nicht weniger chaotisch zu als in unserer, eher chaotischer. Kaiser Augustus regierte mit starker Hand – und zwar in Israel durch Vasallenkönige, die ein teures und blutiges Regiment führten. Ständig erhoben sich Teile der jüdischen Bevölkerung bei dem Versuch, die Fremdherrschaft abzuschütteln, um dabei auch die verhassten Steuerlasten loszuwerden. Kurz nach dem Tode Herodes des Großen griff Quintilius Varus, der Statthalter Syriens, in Israel ein und schlug mehrere Aufstände mit brutaler Gewalt nieder. Dabei ließ er rund 2000 Empörer, Schuldige und Unschuldige an Kreuzen hinrichten. Und das ist nur einer von vielen Vorfällen! Immer wieder griffen in Israel Hunderte zu den Waffen, um sich gegen die Besatzer zu stellen – viele in der Hoffnung, dass Gott selbst sein Reich aufrichten werde – berichtet Werner Dahlheim, Prof. für Alte Geschichte. Das Land befand sich, so erklärt Dahlheim, in einem „tödlichen Kreislauf von jüdischer Rebellion und römischem Terror“ (Die Welt zur Zeit Jesu, S. 52.) Furcht und Angst im Großen und im Kleinen bestimmten das Leben der Menschen.
Angst, liebe Gemeinde, kann manchmal nützlich sein, doch viel zu oft beschädigt sie menschliches Leben. Friso Melzer sieht Angst in seinem geradezu klassisch Lexikon verwandt mit Begriffen wie Enge und Beengen im lateinischen und im alt- und mittelhochdeutschen.  Wo Angst einkehrt, kann die Sicht eng werden, da kann es einem die Kehle zuschnüren, da kann die Vernunft aussetzen und der Mensch sieht schließlich nur noch schwarz oder weiß, Freund oder Feind, entweder – oder. Wo Angst einkehrt, drohen Extreme! Schlimm wird es, wenn in menschlichen Herzen durch Angst eine Verachtung anderer Menschen entsteht oder gar Hass aufkommt. Wer andere verachtet, liebt nicht mehr. Wer andere Menschen verachtet, sondern tritt die Würde des anderen in seinem Herzen mit Füßen. Dann hat die Angst ein Opfer gefunden.  
Darum: Fürchtet euch nicht, denn euch ist heute der Heiland geboren! Der Heiland, der euch von Angst und Furcht frei machen kann. Das kleine schwache Kind in Windeln und in einer Krippe. Angstfrei liegt es da. Es zaubert ein riesengroßes Lächeln und Lachen in die Gesichter seiner Eltern. Dieses kleine Kind, in welchem sich zeigt, dass Gott selbst nicht von Angst getrieben ist, wiewohl von Sorge um seine Menschen,  aber vor allem  von Zuversicht und Hoffnung für uns. Trotz allem. Trotz aller Unterdrückung, trotz aller Krankheiten, trotz aller materieller Not, mit der sich die Menschen schon damals herumplagen. Das Kind in der Krippe ist der Küchenzuruf Gottes an unsere Welt! Unüberhörbar! Die Hirten jedenfalls hören und folgen ihm! Sie entdecken die Hoffnung Gottes und die Zukunft der Welt.
In der Welt habt ihr Angst – sagt Jesus im Johannesevangelium. Gerade deshalb kommt es darauf an, was wir, die wir nüchtern und wachsam bleiben wollen,  in unserm Leben schwerer gewichten: die Angst oder das das Vertrauen auf Gott. Wer die Angst schwerer sein lässt als das Vertrauen,  erfährt,  dass es in seinem Denken und Handeln eng wird, wer aber das Vertrauen auf Gott schwerer gewichtet, wird frei für viele Möglichkeiten, die er selber nicht erkennen kann,  wenn Angst über ihn herrscht. Frei werden für die Wirklichkeit, darum geht es.

Dazu ruft auch Rose Ausländer auf:
„Noch bist du da
Wirf deine Angst
in die Luft
Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends
Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da
Sei was du bist
gib was du hast“
Mit Freude hören wir deshalb den Küchenzuruf Gottes: „Fürchtet euch nicht! Denn euch ist heute der Heiland geboren!“ Amen.



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