Evangelische Kirchengemeinde Grenzach Evangelische Kirchengemeinde Grenzach Evangelische Kirchengemeinde Grenzach
admin

Predigt Reformationsjubiläum am 31.10.2017

Predigt zum Reformationsjubiläum 31.10.2017

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Als es im Februar 1522 in der Wittenberger Stadtkirche zu tumultartigen Ausfällen kam und die Menschen Bilder und Heiligenfiguren der Kirche zerstörten, begab sich Martin Luther, als Junker Jörg auf der Wartburg lebend, unerkannt und ohne Erlaubnis seines Fürsten in das Zentrum der Ereignisse. Luther hielt ab dem 9. März 1522 mehrere Tage hintereinander Predigten in der voll besetzten Kirche zu Wittenberg, um auf Ruhe und Ordnung hinzuwirken. Er begann mit unerwarteten Worten, mit Worten, die jedem einzelnen Zuhörer klarmachten, dass ein letzter Ernst auf dem Spiele stand. Er sagte: „Wir sind allesamt zu dem Tod gefordert, und keiner wird für den anderen sterben, sondern jeder in eigener Person für sich mit dem Tod kämpfen. In die Ohren können wir wohl schreien, aber ein jeder muss für sich selbst geschickt sein in der Zeit des Todes. Ich werde dann nicht bei dir sein noch du bei mir. Hierin muss jedermann die Hauptstücke, die einen Christen angehen, genau wissen und gerüstet sein.“ (Erste Predigt vom 9.3.1522.) Vor Gott, coram deo, geht es um viel mehr als um Bilder und Nichtbilder, Heiligenfiguren und Nichtheiligenfiguren, viel mehr als vor Menschen, nämlich um Rettung und Verlorengehen, um Leben und Tod. Einziger Weg zum Heil ist der Glaube, das Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit: „der Gerechte wird aus Glauben leben“, so hat es Luther aus Römer 1,17 vernommen. Allein aus Glauben, allein aus Gnade und deshalb auch allein die Heilige Schrift. In seiner Abhandlung über die Freiheit des Christenmenschen schreibt Luther: „Glaubst du, so hast, glaubst du nicht, so hast du nicht.“ Glaube also mit einem letzten Ernst, im Angesicht des sicheren Todes und des kommenden jüngsten Gerichtes. Deshalb ist es nicht unpassend, wenn bei diesem 500. Reformationsjubiläum im Wissen um die menschliche Sterblichkeit das Wort aus dem 90. Psalm erklingt: „Herr, Gott, du bist unsere Zuflucht für und für.“ Von Sünde, Tod und Teufel kann nur Gott selber durch Jesus Christus retten, nur einer, dem wir in dieser Hinsicht allein Vertrauen schenken können, im Leben und im Tod. Übrigens hat Luther vom 26. Oktober 1534 an eine Vorlesung über den 90. Psalm gehalten, die uns durch Nachschriften zugänglich und auch erforscht ist.

Die Erkenntnis Luthers, dass Rettung aus Glaube und Gnade allein möglich sei, hat in der Folge zur Entstehung einer neuen Kirche geführt, weil Luther sein Anliegen, obgleich er es wünschte, doch nicht innerhalb der römischen Kirche verwirklichen konnte. Luther, liebe Gemeinde, war in jener Zeit selbstverständlich nicht der einzige, der die Kirche erneuern wollte, wenn auch vielleicht der Einflussreichste. Bereits vor ihm waren in Europa Männer wie Wicliff und Hus aufgetreten, die Ähnliches ausbreiteten, allerdings mit weniger Kraft für die Öffentlichkeit, da die Drucktechnik noch nicht so weit gediehen war. Und in der Zeit Luthers selbst, wie allgemein bekannt ist, ist der Weg zur Erneuerung ebenfalls von anderen großen und kleinen sogenannten Reformatoren vorangetrieben worden wie etwa von Zwingli, Calvin, Ökolampad, Karlstadt, Melanchton und vielen weitere. Die Einheit der Kirche zerbrach. Es folgte eine lange, spannungsreiche, zum Teil überaus leidvolle Geschichte, schließlich jedoch eine Geschichte, in der sich heutzutage katholische und evangelische Christen und Kirchenvertreter sowie auch Vertreter der Täuferkirchen wieder auf Augenhöhe begegnen können. In der Predigt, die Papst Franziskus am 31.Oktober des vergangenen Jahres im südschwedischen Lund gehalten hat, finden sich wunderbare Worte. Die Worte des Papstes machen deutlich, wie nahe wir uns heute stehen, ganz anders als damals, Gott sei Dank! Da sagt der Papst zB: „Dankbar erkennen wir an, dass die Reformation dazu beigetragen hat, die Heilige Schrift mehr ins Zentrum des Lebens der Kirche zu stellen... Die geistliche Erfahrung Martin Luthers hinterfragt uns und erinnert uns daran, dass wir ohne Gott nichts vollbringen können. „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ – das ist die Frage, die Luther ständig umtrieb. Tatsächlich ist die Frage nach der rechten Gottesbeziehung die entscheidende Frage des Lebens. …. Daher bringt die Rechtfertigungslehre das Wesen des menschlichen Daseins vor Gott zum Ausdruck.“ Soweit der Papst in seiner Predigt. Er ermutigt ebenfalls, das ökumenische Miteinander weiter auszubauen. Da können wir hier in Grenzach-Wyhlen nur ein ganz lautes JA dazu sprechen. Vor einigen Tagen erreichte uns der Brief des Ev. Landesbischofs Jochen Cornelius-Bundschuh. Auch er hebt den ökumenischen Aspekt hervor und schreibt u.a.: „Wie viele Gemeinden und Bezirke werden wir als Landeskirche das Jubeljahr am Abend des 31. Oktober in Baden ökumenisch beschließen, in dem wir uns in einem ökumenischen Gottesdienst in der Stadtkirche Karlsruhe unserer Taufe erinnern, die uns verbindet. Zugleich werden wir gemeinsam nach vorne schauen und verbindlich weitere Schritte auf dem Weg der Ökumene verabreden. Erzdiözese und Landeskirche laden alle Gemeinden, Bezirke und Einrichtungen ein, ihre Beziehungen zu vertiefen und zu immer verbindlicheren Verabredungen über die Zusammenarbeit zu kommen; eine Rahmenvereinbarung, an der Sie sich orientieren können, liegt bereits vor. Der ökumenische Aufbruch dieses Jahrs muss weiterwirken!“ Soweit der Landesbischof.

Doch noch einmal zurück in die Zeit vor 500 Jahren. Die evangelischen Kirchen gleich welcher Ausrichtung verdanken ihre Existenz vor allem der Tatsache, dass sich ein kleiner Mönch in jener welt- und kirchenpolitisch einzigartigen Lage durchsetzen konnte – nicht mit dem Wort der Predigt allein, auch nicht nur mit Hilfe der neuen Drucktechnik, sondern vor allem, weil einer, der damals Mächtigen – Friedrich der Weise - seine Hand über ihn gehalten hat - und zwar erfolgreich. In unserer Zeit ist das Evangelisch sein so selbstverständlich wie das Katholisch sein. Und das ist gut so – möchte ich sagen. Es ist gut, dass die Religionsfreiheit in unserm Grundgesetz festgeschrieben ist und jeder Mensch Freiraum zu diesem und zu jenem Glauben hat sowie auch zum Nichtglauben! Es ist ein langer Weg bis zur Freiheit des Glaubens gewesen, mit schlimmen Brüchen, Verirrungen und Gabelungen, die nicht leicht nachzuvollziehen sind. Die Reformation, so sagt man, habe entscheidend zu dieser Freiheit beigetragen. Doch dabei übersieht man, dass die Reformation nur eine von vielen, auch vorangegangenen Reformationen gewesen ist, dass Renaissance, Humanismus und philosophische Erkenntnisse den Weg zur modernen Religionsfreiheit markieren, ja dass Religionskriege und Kämpfe auf diesem langen Weg liegen. Doch: Martin Luther und die übrigen Reformatoren jener Zeit haben die Freiheit des Menschen ganz und gar an Gott gebunden. Freiheit im modernen Sinne wäre für Martin Luther undenkbar gewesen, obwohl er sich am 31. Oktober 1517, als er die 95 Thesen in einem Brief an Erzbischof Albrecht von Mainz schickte, seinen Namen von Luder in Luther abänderte, abgeleitet von dem griechischen Wort eleutheros, das heißt: frei. Frei ja gewiss – doch sehr wohl in Gott, in Christus, im Glauben, in der Gnade, auf dem einen Weg der Heiligen Schrift. Dennoch ist die Reformation sicher mit vielen anderen Triebkräften Impulsgeber des modernen Freiheitsverständnisses geworden. Impulsgeber, schon deshalb, weil die Einheit von Staat und Kirche und die Einheit der Kirche zerbrach und der Weg zu einer vielfältigen Welt mit Parallelstukturen damit eingeschlagen war. Dabei wurde das Weltliche nicht ab-, sondern aufgewertet! Gott erhält die Welt – sozusagen mit seiner linken Hand – um in der Kirche mit seiner rechten Hand das Evangelium voranzutreiben. Und wir Christen dienen Gott gerade nicht nur im Sonntagsgottesdienst, sondern auch und vor allem in unserm Alltag, in unserm Beruf, dorthin wohin er uns berufen hat. Die Welt ist Gottes Raum und Gottes Reich, in dem er wirkt; das Heilige ist überall. Der Impuls zu dieser Einstellung und zu solcher Vielfalt wirkt bis heute fort. Ebenso der Impuls, der den Einzelnen als Person unmittelbar und selbstverantwortlich vor Gott sieht. Auf dem Reichstag zu Worms soll Luther vor Kaiser, Fürsten und dem Vertreter des Papstes folgendes Bekenntnis abgelegt haben: „[Da] mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, ich kann und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“ Jeder einzelne Mensch steht also mit seinem an die Schrift gebundenen Gewissen unmittelbar vor Gott – ohne Vermittlerinstanz. Die Reformation und die Reformationen haben den Impuls der Individualisierung, der Befreiung des Einzelnen, seiner Einsetzung in die Eigenverantwortung mächtig verstärkt. Gegen alle institutionellen Kräfte, gegen Hierarchien kirchlicher und staatlicher Art. Wenn wir heute „ich“ sagen, dann erklingt darin auch ein kleines i-tüpfelchen Reformation. Evangelische Christen mögen sich deshalb rühmen, für sich allein verantwortlich zu sein, doch es bleibt die Frage, ob das denn auch durch das Leben trägt. Ob man mit dieser Verantwortung vor Gott so ganz alleine schließlich klar kommt. Ob es nicht zu einsam um einen wird. Wo ich mit meinen inneren Spannungen bleibe, von denen ich hin- und hergeworfen werde, wenn mir das Ohr des Bruders oder der Schwester fehlt. Wenn ich meine, ich würde keine Institution nötig haben, denn mit Gott käme ich schließlich auch im stillen Kämmerlein alleine klar? Ein Beobachter des heutigen Protestantismus schreibt etwas, das zu denken gibt: „ Aber noch etwas scheint aus der Kirchenmitgliedschaft für die Evangelischen zu folgen, und auch das will nicht recht zum Luther-Rummel passen. Typisch protestantisch nämlich ist, so gut wie nie zur Kirche zu gehen. Weniger als vier Prozent der Protestanten besuchen mit großer Regelmäßigkeit die Gottesdienste, bei den Katholiken sind es immerhin noch zwölf Prozent.“ Wohin, liebe Festgemeinde, frage ich, hat uns die Geschichte, auch die Wirkgeschichte der Reformation denn hingeführt? Ist die Vielfalt der Strukturen jeder Art mit welchen wir leben, eher ein Fortschritt oder doch eher ein Verfall, in dem ungezähmte Kräfte wirken, die niemand mehr beherrschen kann? Haben Individualisierung und Vereinzelung nicht eine gefährliche Schlagseite? Treiben wir Protestanten die Kritik am Ende so weit, dass wir ins Bodenlose stürzen? Und können wir Luther in seinen Kernanliegen überhaupt noch folgen? Folgen können wir ihm ganz gewiss nicht in seinen in der Tat verwerflichen Worten gegen Juden, Türken und auch gegen einen angesehenen Gelehrten wie Erasmus von Rotterdam! Aber dass wir mit letztem Ernst vor Gott stehen im Leben und im Tod? Dass dies kein Spiel, sondern Wirklichkeit ist? Coram deo! Vor Gott!

Ich meine: Wir können gerade in einer pluralistischen Zeit dieses „vor Gott“ der Reformation nicht so einfach vom Tische wischen. Menschen brauchen mehr als Mathematik, Physik, Chemie und andere Naturwissenschaften, so unentbehrlich und hilfreich diese sich auch erwiesen haben. In der Tat. Sie gehören zum Erbe der Befreiung des Weltlichen vom Kirchlichen. Dennoch: Können sie uns denn sagen, wo der Sinn des Lebens zu finden ist? Wofür es sich zu leben lohnt? Was da bleibt, wenn ich sterbe? Der Philosoph Edmund Husserl, der in Freiburg gelehrt hat, schrieb einmal: „Bloße Tatsachenwissenschaften machen bloße Tatsachenmenschen. Die Umwendung der öffentlichen Bewertung (der Wissenschaften) [er meint die Wende in der Bewertung der Wissenschaften] war insbesondere nach dem Kriege [erster Weltkrieg] unvermeidlich, und sie ist, wie wir wissen, in der jungen Generation nachgerade zu einer feindlichen Haltung geworden. In unserer Lebensnot – so hören wir – hat diese Wissenschaft uns nichts zu sagen.“ So stellt es Husserl nach dem ersten Weltkrieg mit seinen Millionen Toten fest, die auch und gerade auf die damals emporsteigenden und sich zu Steigbügelhaltern der Kriegsparteien machenden Tatsachenwissenschaften zurückzuführen waren. Wissenschaft und Lebenswelt, so Husserl, sind in der europäischen Kultur auseinandergebrochen. Die Wissenschaft, bwz. die Naturwissenschaften können uns sagen, was ist und warum es ist, aber sie können uns keine Antwort auf die Frage geben, was sein soll und was zu tun ist. Mir kam das bekannte Wort Jesu in den Sinn: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ Wir können das coram deo auch in unserer pluralistischen Welt nicht einfach vom Tisch wischen und nur auf die sogenannte Vernunft setzen, denn auch sie weiß nicht in allem Rat und sie kann sogar in tiefe Dunkelheit führen. Sie gibt uns keine letzte Antwort, gerade auch nicht angesichts unseres eigenen Sterben-müssens, wohl aber haben wir sterbliche Menschen Raum zum Glauben und zum Vertrauen auf Gottes Gnade, die den Weg weist aus dem Dunkel ins Licht. In der neu komponierten Kantate geht das so: „Woher ich komme, wenn mein Lauf beginnt? Von dir, von dir. Auf wen ich traue, wenn der Mut zerrinnt? Auf dich, auf dich. Wohin ich gehe, wenn der Tod mich nimmt? Zu dir, zu dir. Auf wen ich baue, dass die Zeit gelingt? Auf dich, auf dich!“ Möge Gott uns dazu Gnade schenken. Amen



Zur Startseite