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Psalm 78,3-4 Reformation Bibel

Psalm 78,3-4; Eröffnung Ausstellung Reformationsjubiläum (8.10.2017)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Was wir gehört haben und unsere Väter uns erzählt haben, das wollen wir nicht verschweigen ihren Kindern; wir verkündigen dem kommenden Geschlecht den Ruhm des Herrn und seine Macht und seine Wunder, die er getan hat.“ So hören wir es heute aus der Bibelübersetzung Martin Luthers, die im vergangenen Jahr nach einer Bearbeitung pünktlich zum 500. Reformationsjubiläum neu herausgegeben worden ist. In der heißen Phase dieses Reformationsjubiläums, in der wir uns befinden, geht es um erzählen und um hören, um schreiben und um lesen, um Schriften und vor allem um Bücher, ja um das eine Buch der Reformation, die Bibel. Es geht um Handfestes, um Bilder und Texte, die man betrachten und in die Hände nehmen kann, damit Gedanken und Worte von Herzen kommen und in Herzen eingehen. Christlicher Glaube lebt immer und entscheidend von Aufnehmen und Weitergeben, vom sich Erinnern und von der Erinnerung sprechen – da geht es nicht ohne die Bibel.

Reformation ohne die Bibel? Reformation ohne die Bibelübersetzung in die deutsche Sprache? Nachdem Martin Luther die umstürzende Erkenntnis aufgegangen war, dass sich Menschen vor Gott nicht durch eigene Leistung als gerecht ausweisen müssen, sondern dass Gott jedem Menschen seine Gerechtigkeit zuspricht, der auf Jesus Christus vertraut, wollte er, dass seine Zeitgenossen diese gute Nachricht selber im Original  nachlesen sollten. So beeilte er sich, als Junker Jörg, wie er genannt wurde, auf der Wartburg das Neue Testament mit seinen 27 Büchern in 11 Wochen zu übersetzen. Im September 1522 lag es der Öffentlichkeit gedruckt in einer Auflage von ca. 3-5000 Exemplaren vor und war in kürzester Zeit ausverkauft, so dass im Dezember noch eine zweite Auflage auf den Markt kam. In der neuen Ausgabe der Lutherübersetzung findet sich eine gute Einführung in Luthers Wirken und auch in seine Bibelübersetzung. Da heißt es dann u.a.: „Noch im selben Jahr [1522] erschien in Basel ein Raubdruck und im folgenden Jahr zwölf weitere.“ Jetzt wissen wir – warum es wichtig ist, auch über die Basler Drucker, über die Papiermühle usw Bescheid zu wissen. Übrigens wurde damals, nach der Erfindung des Buchdruckes, ja nicht nur die Bibel in hohen Auflagen gedruckt, sondern auch unzählige Flugschriften, wie Sie heute morgen die Kopie einer solchen Flugschrift – übrigens gegen den Ablass, also den Freikauf aus dem Fegefeuer – in Händen halten. Die Flugschriften können sozusagen als Vorläufer unserer späteren Zeitungen und Zeitschriften angesehen werden. Nach der Übersetzung des NT benötigte Luther dann sage und schreibe noch 12 Jahre, um das AT zu übersetzen. 1534 erschien die erste vollständige Bibelübersetzung aus der Feder Martin Luthers.

Luther hatte die frohe Erkenntnis von der Gnade, mit der Gott uns Menschen begegnet, in der Bibel entdeckt und den Menschen durch die Übersetzung ins Deutsche zugänglich gemacht. Die Urkraft des Christentums ist das gesprochene, geschriebene, gelesene, verstandene und geglaubte Wort.

Schon der alte Mose aus dem Volke Israel war kein Maler. Stattdessen empfing er aus Gottes Händen die 10 Gebote - geschrieben auf steinerne Tafeln. Die Autoren der alttestamentlichen Königsbücher waren keine Grafiker. Dafür haben sie atemberaubende Erzählungen von Leidenschaft, Hoffnung, Mord und Totschlag, Auflehnung gegen Gott, Segen von Gott, Widerstand und Einsicht niedergeschrieben. Jona, dieser Prophet, der im Bauch des Fisches landete, war kein Karikaturist. Dafür bringt er aber mit seinem Aufenthalt im Bauch des Fisches selbst Kindergartenkinder zum Nachdenken und vielleicht auch zum Schmunzeln. Auch vom Apostel Paulus sind uns keine Zeichnungen und Gemälde überliefert, wohl aber jede Menge Briefe, die er mit einer ungeheuren Wucht auf Papier gebannt  und seinen Gemeinden entgegengeschleudert hat. Der Evangelist Lukas soll von Berufswegen Arzt gewesen sein. Doch statt einer nüchternen Diagnose kennen wir von ihm eine einzigartige und unvergessliche bildhafte Erzählung, die Martin Luther in diese schönen Wort gebracht hat: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von Kaiser Augustus ausging…“ Das Vaterunser aus der Bergpredigt Jesu wird heute selbst auf nichtreligiösen Trauerfeiern gesprochen. Und vor allem: Jesus selber hat bei seinem Wirken ganz und gar auf die Sprache gesetzt, die mündliche Sprache – die geschriebene Sprache ist ja nichts anderes als ein Ersatz für das Mündliche!

Die Anstifter des Christentums waren nun einmal Menschen ohne Computer, ohne Pinsel und Palette und ohne den Willen, Statuen zu errichten. Sie erzählten, sie redeten und sie schrieben ihre Gedanken auf. Sie berichteten über Geheimnisse, von denen sie überzeugt waren, dass sie göttlichen Ursprunges waren. Die Urkraft, von der das Christentum lebt, ist das gesprochene und das gehörte Wort. Das Wort eines und vieler Menschen, durch das Gott selber geheimnisvoll wirkt und die Herzen der Hörer und Leser anrührt. Im Römerbrief des NT findet sich ein Satz in dem der Apostel Paulus die Dinge auf den Punkt bringt: „So kommt der Glaube aus der Predigt – also durch das Weitererzählen der frohen Nachricht – das Predigen aber durch das Wort Christi.“ Erasmus von Rotterdam, mit dessen Gedenken wir das Reformationsjubiläum im vergangenen Jahr eingeleitet haben und der hier in Basel viele Jahr wirkte, hat dem Punkt, auf den Paulus alles bringt, seinen eigenen Punkt hinzugefügt, indem er einmal notierte: „Keiner ist Christ, wenn er die Schriften Christi nicht gelesen hat… Wer mich liebt, sagt er (Christus), hält meine Worte.“

Zur Genüge ist bekannt, dass es seit der Bibelübersetzung Martin Luthers unzählige neu bearbeitete und damit dem Zeitgefühl angepasste Auflagen der Bibel gegeben hat und gibt. Zur Genüge ist bekannt, dass die Verbreitung der deutschen Sprache gerade durch Martin Luthers Bibelübersetzung entscheidend vorangetrieben worden ist. Zur Genüge ist bekannt, dass die Einsicht in die Notwendigkeit der Bildung breiter Schichten der Bevölkerung gerade durch die Reformation vorangetrieben wurde.

Doch wie ist es, liebe Gemeinde, mit dem Erinnern an das Wesentliche? Dem Erinnern und weiterreichen der guten Nachricht des Evangeliums? Dem Erinnern und aktualisierten Weiterreichen der Worte, durch die Gott schon vor uns Heil und Segen gewirkt hat? Erinnern und Weiterreichen in neuer angepasster Gestalt – kann in unserer Zeit, die uns ganz und gar im Hier und Heute fesselt, durchaus herausfordernd sein. Ich weiß nicht, wie es ihnen geht: Die unzähligen Freizeitangebote heute, die modernen Kommunikationsmittel, die faszinierenden Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung, die Wirtschaftsnachrichten, die Spannungen im weltpolitischen Feld, der persönliche Weg in die Zukunft – all das nimmt mich, nimmt uns, in unserm Alltag im besten Sinne des Wortes gefangen, so dass das Erinnern, sich neu aneignen, das Staunen über die Wunder früherer Zeiten, die bis heute nachwirken – nicht in den Schoß fällt. Sich daran zu erinnern, woher man kommt, bedeutet auch zu wissen, wer man ist. Manchmal hört man von bedauernswerten Menschen, die sich nicht erinnern können: Sie wissen nicht, wer sie sind. Sich erinnern und das sich neu Aneignen des Früheren, auch in neuer Gestalt: Nur so geht Leben!

Ich möchte schließen, indem ich aus zwei Reden früherer Bundespräsidenten zitiere, die zum Sich-Erinnern aufgerufen haben. Zunächst aus einer Rede Horst Köhlers zum 27. Januar 2009. Er sagt: „Erinnerung bedeutet auch: Nach der Wahrheit, nach einem Grund für das eigene Leben suchen. Wer sich der eigenen Vergangenheit nicht stellt, dem fehlt das Fundament für die Zukunft.“ Und ein Zitat aus der berühmten Rede Carl Friedrich von Weizäckers zum 8. Mai: „Die Erinnerung ist die Erfahrung vom Wirken Gottes in der Geschichte. Sie ist die Quelle des Glaubens an die Erlösung. Dieser Erfahrung schafft Hoffnung, sie schafft Glauben an Erlösung, an Wiedervereinigung des Getrennten, an Versöhnung. Wer sie vergisst, verliert den Glauben.“

Auch damit wir und unsere Kinder und Kindeskinder nichts Wertvolles vergessen, eröffnen wir heute in unserm Gemeindehaus eine Ausstellung zum Reformationsjubiläum. Amen.



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